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Pressemitteilung 343/2018

12.09.2018

200 Fachleute aus „Gesunden Städten“ zu Symposium in Marburg – Internationale Tagung zur Beteiligung von Bürger/innen an Gesundheitsfragen

Marburg. Wie kann Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger in der Gesundheitsförderung funktionieren? Mit diesem Thema traf das „Gesunde Städte-Netzwerk“ einen Nerv. Rund 200 Fachleute aus Deutschland und angrenzenden Ländern kamen auf Einladung der Universitätsstadt Marburg und des Landkreises Marburg-Biedenkopf zum Symposium „Partizipation als kommunales Handlungsprinzip in der Gesundheitsförderung“ nach Marburg.

„Gesundheit ist eine Kernaufgabe der Kommune“, betonte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies bei der Begrüßung. Die Kommunen sorgten für Sportplätze und Schwimmbäder, für saubere Luft und intelligente Verkehrsführung. Er berichtete vom Projekt „3000 Schritte mit dem Oberbürgermeister“, von Bio-Essen in den Kindergärten und dem Fahrradverleihsystem „Nextbike“. Prävention sei ein zentraler Baustein der Politik in der Stadt, der in allen Fachabteilungen mitgedacht und berücksichtigt werde. Aber auch durch ehrenamtliches Engagement würden die Gesundheitsthemen zu den Menschen gebracht – etwa durch Gesundheitstage am Richtsberg, ausgerichtet vom dort ansässigen islamischen Kulturverein Hadara. Und auch in der Gemeinwesenarbeit in den Stadtteilen gebe es schon seit mehreren Jahrzehnten eine gewachsene und gute Kultur der Beteiligung.

Wie „Partizipation als kommunales Handlungsprinzip in der Gesundheitsförderung“ funktionieren kann, erläuterte Landrätin Kirsten Fründt: „Wir waren der erste Landkreis in Deutschland, der einen strukturierten Beteiligungsprozess aufgebaut hat“, sagte sie während der Diskussionsrunde. Der Kreis hat das Konzept 2016 verabschiedet. Unter dem Titel „Gesundheit fördern – Versorgung stärken“, haben Stadt und Kreis eine gemeinsame Initiative gestartet, um die gesundheitlichen Chancen der Einwohnerinnen und Einwohner zu verbessern. Zum Kernteam gehören die aktive Sportlerin und Landrätin Fründt sowie der Arzt und Oberbürgermeister Spies. Es gibt Gesundheitskonferenzen, Arbeitskreise zu verschiedenen Schwerpunkten und „Gesundheitsdialoge“, bei denen die Bürger/innen ihre Anliegen einbringen können. Die Veranstaltungen sollen später wiederholt werden, um den Beteiligten zu zeigen, was aus ihren Vorschlägen und Ideen geworden ist, berichtete Fründt.

„Vorbildlich“, nannte dies Gesine Bär, die eine Professur für partizipative Ansätze im Sozial- und Gesundheitswesen an der Hochschule Berlin inne hat. In ihrem Vortrag plädierte sie für gründlich durchdachte Konzepte. Das brauche Zeit. Dabei müsse man sich auch die Frage stellen, wie viele Ressourcen und welche Rahmenbedingungen für seriöse Bürgerbeteiligungsverfahren vorhanden seien. Sonst machten die Menschen schlechte Erfahrungen mit Partizipation. „Bislang wird Gesundheitsförderung in den Kommunen allerdings noch wenig systematisch verfolgt“, bedauerte die Forscherin.

Dass nicht alle Ideen aus den Bürgerbeteiligungsprozessen umsetzt werden können, erklärte die Mannheimer Bürgermeisterin Ulrike Freundlieb während der Diskussionsrunde. Ein grundsätzliches Problem sei es zugleich, die „stillen Gruppen“ für die Bürgerbeteiligung zu gewinnen, die sich aus sozialer Benachteiligung heraus nicht oder selten zu Wort melden. Zsuzsanna Maijzik von der Geschäftsstelle der Gesundheitsregion Erlangen erläuterte das Beispiel von „Frauen in schwierigen Lebenslagen“: In einem Forschungsprojekt der Universität stellte sich heraus, dass sie sich vor allem Frauen-Badezeiten wünschten. Das habe nicht der „Mittelstandslogik“ entsprochen, die eher an Fitnesskurse gedacht hatte. Doch das Angebot lockte so viele Frauen, dass daraus bald auch Schwimmkurse, Aquafitness und andere Sportkurse wurden. „Man braucht die Umwege“, so Maijzik.

Ein älteres Beispiel schilderte der Bergzaberner Stadtbürgermeister Fred-Holger Ludwig, der wie Spies selbst Arzt ist. Als er die „Frauenselbsthilfe nach Krebs“ mitgründete, seien die Angebote von allen Seiten als „Kaffeeklatsch“ verunglimpft worden. Heute sei klar, wie erfolgreich diese Gruppen arbeiten.

„Mit der Umsetzung unseres Präventionsplans „Gemeinsam für Gesundheit und Lebensqualität“ haben wir eine verbindliche Handlungsgrundlage geschaffen“, erläuterte Dr. Birgit Wollenberg, die Leiterin des Gesundheitsamtes im Rahmen eines Vortrages des sehr gut besuchten Workshops "Gesunde Kommune". „Wir sehen das Thema Gesundheit als Querschnittsaufgabe und haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Akteure aus den verschieden Verwaltungen und in den Quartieren fachlich und organisatorisch zu unterstützen.“ 

Wir haben sehr gerne gemeinsam mit der Stadt Marburg die Vorbereitung und Umsetzung der diesjährigen Mitgliederversammlung und des Symposiums des Gesunden Städte-Netzwerkes zum Thema „Partizipation“ übernommen“, ergänzte Rolf Reul von der Geschäftsstelle Initiative Gesundheit fördern – Versorgung stärken. Die Partizipation ist als Gesundheitsamt eines Landkreises eine besondere Herausforderung. Wir werden dafür auch zu den Einwohnerinnen und Einwohnern vor Ort gehen müssen, um mit ihnen die konkreten gesundheitsfördernden Bedarfe zu ermitteln.

Im Gesunde Städte-Netzwerk Deutschlands haben sich 81 Städte, Kreise, Bezirke und Regionen mit insgesamt mehr als 20 Millionen Einwohnern zusammengeschlossen. Sie wollen die Gesundheit ihrer Bürgerinnen und Bürger fördern und intensiv Erfahrungen austauschen. Die Stadt Marburg und der Landkreis Marburg-Biedenkopf sind dem Bündnis im vergangenen Jahr beigetreten. Oberbürgermeister Thomas Spies bezeichnete es als „besondere Auszeichnung“, dass das Symposium in Marburg stattfand. „Das bundesweite Netzwerk freut sich, dass die Universitätsstadt Marburg und der Landkreis Marburg-Biedenkopf dem Thema Partizipation als Handlungsprinzip der Gesundheitsförderung einen so hohen Stellenwert beimessen“, sagte Netzwerk-Koordinator Dr. Hans Wolter.

Dem Symposium vorangegangen war die Mitgliederversammlung des „Gesunde Städte-Netzwerks“. Beim Symposium selbst gab es neben den Vorträgen auch vertiefende Workshops. „In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass die Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen und der Umsetzung von gesundheitsfördernden Maßnahmen immer mehr eingefordert wird. Die unterschiedliche Ausrichtung der Workshopangebote dieses Fachsymposiums spiegelt die Breite der Themenvielfalt wieder und macht deutlich, dass wir aus verschiedenen Blickwinkeln das Thema in den Fokus nehmen sollten“, so Susanne Hofmann, Leiterin des Fachdienstes Gesunde Stadt Marburg. Bei den Workshops stellten Kreis und Stadt ihre Konzepte zur Bürgerbeteiligung vor und diskutierten sie anschließend mit den Teilnehmenden. Themen waren auch die Gesundheitsförderung für Migrant/innen oder die Gesundheitsförderung im Quartier – letzteres am Beispiel der Gemeinwesenarbeit in den Stadtteilen Richtsberg, Waldtal und Stadtwald, den Marburger Standorten des Programms „Soziale Stadt“.

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