Marburg-Biedenkopf – 309 Einbürgerungen hat es im Landkreis Marburg-Biedenkopf von Mitte 2025 bis Mitte 2026 gegeben. Das sind 309 bewusste Entscheidungen von Menschen für demokratische Werte und Pflichten und die deutsche Staatsbürgerschaft. Das hat der Landkreis mit einer Einbürgerungsfeier im Marburger Kreishaus gewürdigt.
Die Einbürgerung sei mehr als eine rechtliche Entscheidung. Sie sei auch eine Entscheidung für eine zusätzliche Heimat, für das Grundgesetz als Grundlage des demokratischen Zusammenlebens. In Zeiten, in denen Spaltung sowie der Hass auf Andersdenkende zunehme, sei ihm die Betonung des Grundgesetzes als Basis des Miteinanders besonders wichtig, so der Landrat. Miteinander zu reden und Lösungen zu finden sei der Kern der Demokratie.
„Und ich möchte Ihnen sagen, Sie sind hier herzlich willkommen. Bringen Sie sich und Ihre Perspektiven ein, lassen Sie uns zusammen den Kreis gestalten“, sagte der Landrat in Richtung der neuen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger.
Dem schloss sich auch die Kreistagsvorsitzende Marie-Sophie Künkel an. Auch sie betonte, dass die Einbürgerung mehr als ein formaler Akt sei. „Es ist ein Ja zu dieser Gesellschaft, ein Ja zu einer gemeinsamen Zukunft“. Marburg-Biedenkopf sei ein lebenswerter Landkreis. „Was uns verbindet ist nicht, dass wir alle die gleiche Lebensgeschichte haben. Sondern, dass wir alle gemeinsam gestalten können“, so Künkel. Als Kreistagsvorsitzende sei ihr besonders wichtig, auf die politische Teilhabe aufmerksam zu machen. Auch im Namen der Kreistagsabgeordneten heiße sie die neuen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger herzlich willkommen.
Dass die Einbürgerung mehr als ein Verwaltungsvorgang ist, zeichnete auch Gastredner Ahmed Sibak nach, der sich ebenfalls für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden hat. „Heute hier zu stehen und diese Rede zu halten, bedeutet sehr viel für mich. Einbürgerung ist für mich keine Formalität, sondern bedeutet vor allem ein Ankommen“, so Sibak, der in Äqypten geboren wurde. Bis dahin könne es manchmal ein langer und steiniger Weg sein, mit vielen neuen schönen Erfahrungen aber auch Herausforderungen. Beispielsweise, zum ersten Mal Schnee zu sehen, den er bisher nur aus Bildern kannte. „Für die Menschen hier war das ein ganz normaler Winter. Für mich war er etwas besonders“. Aber eben auch sprachlichen und formalen Hürden. „Ich wollte arbeiten und etwas leisten“, betonte Sibak. Zu Beginn habe er in Deutschland aber viele Absagen auf Bewerbungen bekommen, später dann fachfremd in Supermärkten und einem Kaufhaus gearbeitet. „Dann kam eine Situation, die ich bis heute nicht vergessen habe. Ich stand vor einem Kaufhaus und kehrte den Boden. Ich hatte in Ägypten als Lehrer, Reiseführer und Reiseleiter gearbeitet. Und jetzt stand ich dort mit einem Besen in der Hand. Aber ich habe mich dafür nicht geschämt. Denn ich habe gelernt: Keine ehrliche Arbeit ist eine Schande. Ich war bereit zu arbeiten“, erzählte Sibak. Und manchmal sei ein schwieriger Anfang nicht das Ende einer Geschichte. Manchmal sei er der Anfang einer neuen. Unerwartet habe er irgendwann einen Anruf aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Neustadt bekommen. Man brauchte einen Dolmetscher. Dieser Anruf habe sein Leben verändert. „Plötzlich konnte ich das einsetzen, was ich mitgebracht hatte: Meine Sprache. Meine Erfahrungen. Meine Fähigkeiten. Meine Vergangenheit war nicht verschwunden. Sie wurde ein Teil meiner Zukunft“. Heute ist Sibak Sozialberater für Zugewanderte im Landkreis Marburg-Biedenkopf. „Früher war ich derjenige, der nach einer Tür gesucht hat. Heute versuche ich, anderen Menschen zu zeigen, wo diese Türen sind“.
Schlüssel für eine gute Integration sei dabei die Sprache, über sie könne man dazugehören. Integration bedeute für ihn dabei keineswegs, seine Herkunft zu vergessen. „Ich bin Ägypter. Meine Wurzeln bleiben ein Teil von mir. Aber ein Baum kann starke Wurzeln haben und trotzdem neue Äste wachsen lassen. Meine Wurzeln sind in Ägypten. Aber mein Leben ist hier gewachsen“, so Sibaks Fazit. Heute könne er daher auf die Frage, woher er komme nicht nur „Ägypten“ antworten. Sondern: „Ich komme aus Neustadt“.
Eingebürgerte kommen aus unterschiedlichen Nationen
Die nun eingebürgerten Menschen haben einen vielfältigen Hintergrund und kommen aus unterschiedlichen Nationen, darunter zum Beispiel Syrien, Türkei, oder auch Afghanistan, Rumänien oder Indien.
Voraussetzung für eine Einbürgerung ist unter anderem, dass die Antragstellenden sich seit mindestens fünf Jahren rechtmäßig in Deutschland aufhalten. Die Aufenthaltserlaubnis muss auf Dauer angelegt sein. Die Antragstellenden müssen zudem mit der Rechts- und Gesellschaftsordnung und den Lebensverhältnissen vertraut sein und über Deutschkenntnisse auf dem Niveau B1 verfügen. Außerdem dürfen sie nicht straffällig geworden sein und müssen ihren Lebensunterhalt ohne staatliche Unterstützung sicherstellen. Die bisherige Staatsangehörigkeit muss nicht aufgegeben werden.
Die anwesenden Neubürgerinnen und Neubürger erhielten vom Kreis kleine Präsente. Christian Wustrau (Piano/Gesang) und Gerd Schiebl (Cello) begleiteten die Veranstaltung musikalisch. Nach der offiziellen Übergabe nutzen die Teilnehmenden die Möglichkeit, bei Speis und Trank miteinander ins Gespräch zu kommen.
Da die Stadt Marburg eine eigene Ausländerbehörde besitzt, ist die Zahl der Einbürgerungen in der Stadt Marburg nicht in der Zahl des Landkreises enthalten.
Mehr Informationen zum Thema Einbürgerungen sowie die entsprechenden Online-Anträge dafür gibt es auf der Homepage des Kreises unter https://www.marburg-biedenkopf.de/abh (Öffnet in einem neuen Tab).