Marburg-Biedenkopf – Wenn Felia Ellen Schott später einmal ihren Geburtsort angeben muss, wird dort „Bundesstraße 3 – Marburg, Gemarkung Ginseldorf“ stehen. Geplant war das nicht – eher quasi aus der Not geboren. Denn Felia hatte es plötzlich sehr eilig. Und statt des Kreißsaals war der Beifahrersitz des elterlichen Autos Ort des Geschehens – eben auf dem Seitenstreifen der Bundesstraße. Zum telefonischen Geburtshelfer wurde Jan Möbius, Einsatzbearbeiter der Zentralen Rettungsleitstelle des Landkreises Marburg-Biedenkopf.
Es ist Sonntag, der 12. April. Schon morgens setzen bei Linda Schott die Wehen ein. Sie ist da aber noch ganz entspannt. Ein Kind – Sohn Lenn Jakob (3) – hat sie schon zur Welt gebracht. Elias Matheo (8) hat ihr Lebensgefährte Florian Hatt mit in die Beziehung gebracht. Am frühen Nachmittag macht sie sich dann gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten von Lahntal-Göttingen aus auf den Weg zum Kreißsaal im Marburger Uni-Klinikum. Doch auf dem Weg dorthin werden die Wehen stärker, die Abstände zwischen den Wehen kürzer. Von unterwegs ruft Florian Hatt im Kreißsaal an und schildert die Situation. Die Einschätzung der Fachleute für Geburtshilfe dort: Das schaffen Sie nicht mehr rechtzeitig. Sofort anhalten und die 112 wählen!
Florian Hatt lenkt das Auto auf den Seitenstreifen der Bundesstraße und tippt mit nervösen Fingern die Notrufnummer 112 in sein Smartphone. Um 15:39 Uhr klingelt in der Rettungsleitstelle im Marburger Landratsamt das Notruf-Telefon. Jan Möbius nimmt den Anruf entgegen und stellt routiniert die erforderlichen Fragen: Wo genau ist der Notfallort? Was ist passiert? Schnell wird ihm klar: Das ist kein alltäglicher Notfall. Aber für solche Ausnahmesituation sind er und seine Kolleginnen und Kollegen ausgebildet. Er fragt weitere Informationen ab, gibt dem werdenden Vater am Telefon wichtige Tipps, wie er die Geburt des Kindes unterstützen kann und worauf er achten soll. Parallel dazu alarmiert er um 15:42 Uhr den Rettungsdienst: Ein Rettungswagen der Johanniter startet von der Rettungswache „Marburg Nord“ am Afföller – an Bord die Notfallsanitäterin Isabel Butzbach und ihre Kollegin, Rettungssanitäterin Elsa Baining. In Lahntal-Göttingen startet zeitgleich das Notarzteinsatzfahrzeug. Notarzt Dr. Thomas Werner und Notfallsanitäter Jan-Philipp Richter vom DRK Rettungsdienst Mittelhessen haben an diesem Tag Dienst.
Nach sechs Minuten war das Baby da
Jan Möbius bleibt die ganze Zeit am Telefon, beruhigt die werdenden Eltern und gibt weitere Tipps und Hinweise. Neben seiner Ausbildung hilft ihm dabei auch, dass er selbst Vater von drei Söhnen ist und weiß, was jetzt gerade passiert. „Das war schon ein ganz schöner Trubel am Telefon, ich habe die Wehen der Mutter deutlich gehört“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Sechs Minuten nach dem Notruf, genau um 15:45 Uhr und 6 Sekunden – so ist es im Einsatzprotokoll vermerkt – meldet sich auch erstmals das Neugeborene zu Wort: Der erste Schrei ist durch das Telefon deutlich zu vernehmen. „Trotz aller Routine in unserer Arbeit und trotz unterschiedlicher, teils sehr emotionaler Erlebnisse, die wir hier am Notruftelefon immer wieder haben, war das für mich schon ein ganz besonderer Moment. Ja, ich war erleichtert, das Kind war auf der Welt und es hat geschrien – ein gutes Zeichen, und auch der Mutter ging es gut“, erinnert sich der Einsatzbearbeiter.
Fünf Minuten später trifft dann der Rettungsdienst ein. Felia tat sich zwischenzeitlich noch etwas mit dem Atmen schwer. Die beiden Sanitäterinnen, die kurz vor dem Notarzt eintreffen, wissen aber, was zu tun ist: „Als wir ankamen, lag das Baby bereits bei der Mutter auf der Brust und war auch warm zugedeckt. Wir haben das Baby dann manuell ein wenig stimuliert und dann fing die Kleine schnell an, normal zu atmen“, erzählt Notfallsanitäterin Isabel Butzbach. Sie erinnert sich noch daran, dass die Eltern trotz der ungewöhnlichen Situation recht entspannt gewirkt hätten.
„Wir haben das Kind dann noch im Auto der Eltern abgenabelt und die Kleine dann mit ihrer Mutter in den Rettungswagen gebracht und dort weiter versorgt“, erzählt Notarzt Dr. Werner. Als Anästhesist, also Narkosearzt, arbeitet er auch regelmäßig im Kreißsaal und fährt auch als Notarzt auf dem Baby-Notarztwagen mit, hat also auch Erfahrung mit Neugeborenen. „Trotzdem ist das ein Einsatz außerhalb der Routine. Man hat in diesem Moment ja zwei Patientinnen: die Mutter und das Neugeborene. Die Konzentration ist hoch, man muss vieles gleichzeitig bedenken“, berichtet der Mediziner. Notfallsanitäter Jan-Philip Richter wird zwischenzeitlich zum Logistiker des Einsatzes: Mit dem Vater reden, den Transport organisieren und vorbreiten, Kontakt zu Leitstelle halten – während nebenan der Verkehr auf der Bundesstraße an den Beteiligten vorbeirauscht.
Als Mutter und Kind stabilisiert sind, beginnt nach wenigen Minuten der Transport ins Marburger Uni-Klinikum. Im Kreißsaal werden beide durchgecheckt und kurz darauf kommen sie auf Station. Am Tag darauf kann Vater Florian Hatt beide abholen – gemeinsam mit den beiden Jungs Lenn Jakob und Elias Matheo – die beide mächtig stolz auf ihre kleine Schwester sind.
Dass die Rettungsleitstelle bei Geburten angerufen wird, ist keine Ausnahme. „Das kommt immer wieder vor. Wir wenden dann die von uns entwickelten speziellen Abfrage-Checklisten und Hilfestellungen an und alarmieren parallel den Rettungsdienst und auch eine Hebamme. In den allermeisten Fällen schaffen wir es auch rechtzeitig ins Krankenhaus. Hin und wieder werden Babys aber auch im Rettungswagen oder noch zu Hause auf die Welt gebracht“, weiß Maik Klein, Leiter der Zentralen Leitstelle des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Die Situation, wie sie am 12. April auf der Bundesstraße 3 stattfand, sei aber schon außergewöhnlich gewesen. „Dieser Einsatz ist ein tolles Beispiel dafür, wie alle Teile der Rettungssystems funktionieren – wie bei einem gut eingestellten Uhrwerk, in dem alle Rädchen ineinandergreifen“, betont auch Landrat Jens Womelsdorf und wünscht der Familie alles erdenklich Gute.
„Ich habe mich noch ein paar Tage so gefühlt, als sei ich von einem Lkw überfahren worden“, erzählt die Mutter Linda Schott von ihrem ungewöhnlichen Geburtserlebnis und lacht. „Wir waren aber schnell wieder im Alltag drin. Die Familie ist jetzt zu fünft und wir organisieren uns da gut“, sagt sie.
Rückblickend sagt Vater Florian Hatt, dass er überrascht war, wie ruhig, ja fast abgeklärt die Rettungsprofis diese Situation gemeistert hätten – von der Rettungsleitstelle bis hin zu Notarzt und Rettungsdienst. „Wir möchten allen Beteiligten ein riesiges Dankeschön aussprechen“, betonen Florian Hatt und seine Lebensgefährtin Linda Schott.