Marburg-Biedenkopf – Rund 100 Teilnehmende kamen zum 14. Psychiatrietag im Gladenbacher Haus des Gastes zusammen, um sich rund um das Thema psychische Gesundheit auszutauschen. Die Veranstaltung stand dabei unter dem Motto „(HINTER)LAND in Sicht – Seelische Gesundheit zwischen Nähe, Not und Netz“. Dabei ging es insbesondere um Chancen und Herausforderungen im Hinblick auf Angebote im ländlichen Raum für die psychische Gesundheit. Neben dem Austausch standen auch Impulsvorträge auf dem Programm – von Selbstbestimmung bis zu Künstlicher Intelligenz.
Landrat Jens Womelsdorf und Gladenbachs Bürgermeister Peter Kremer hoben die Bedeutung einer wohnortnahen psychiatrischen und psychosozialen Versorgung hervor. Darunter fallen beispielsweise Gesundheitsleistungen wie Therapie- aber auch Beratungsangebote. Womelsdorf und Kremer machten dabei auch deutlich, wie wichtig etablierte Veranstaltungsformate wie die Psychiatrietage sind, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Die Psychiatrietage fanden im Landkreis Marburg-Biedenkopf bereits zum 14. Mal statt.
In Vorträgen und Workshops haben Expertinnen und Experten verschiedene Ansätze und Entwicklungen vorgestellt. So unter anderem das Konzept von Professor Wolfgang Hinte über Sozialraum-Orientierung. Vorgestellt hat es Hartmut Kleiber vom Verein „Aufwind – Verein für seelische Gesundheit“. Das Fachkonzept der Sozialraum-Orientierung richtet soziale Arbeit stärker am Lebensumfeld („Sozialraum“) der Menschen aus. Ziel ist es, Menschen nicht nur zu versorgen, sondern sie dabei zu unterstützen, ihr Leben möglichst selbstbestimmt zu gestalten. Besonders relevant sind die Wünsche und Stärken der Betroffenen. Hilfe geleistet wird nur da, wo die eigenen Fähigkeiten nicht heranreichen. Auch Ressourcen aus dem sozialen Umfeld – zum Beispiel Familie, Nachbarschaft, Freundeskreis oder Vereine – werden bewusst einbezogen. Statt nur auf Probleme zu schauen, fragt die Sozialraumorientierung: Was können die Menschen selbst? Wer oder was kann sie unterstützen? Dadurch sollen Hilfen alltagsnah, passender sowie stärker gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt werden. Zudem soll konsequent nur das an Unterstützung passieren, was wirklich vom betroffenen Menschen gewünscht und zur Erreichung notwendig ist.
Dietrich Höschele aus Karlsruhe stellte mit seinem „Konzept-i“ eine digital assistierte Arbeitserleichterung vor, die Sozialarbeitende mit einer App im Arbeitsalltag unterstützen soll. Über die Anwendung können beispielsweise Termine erfasst und dokumentiert oder auch Entwicklungsberichte per KI (Künstlicher Intelligenz) erstellt werden.
Intensiv und teilweise kontrovers haben die Teilnehmenden besonders das Thema KI in der psychiatrischen Versorgung diskutiert. Dabei ging es sowohl um mögliche Entlastungen und neue Chancen als auch um Risiken, Grenzen und ethische Fragen beim Einsatz digitaler Technologien im Umgang mit psychisch kranken Menschen. Befürworterinnen und Befürworter sahen vor allem Vorteile in einer schnelleren Dokumentation, einer leichteren Berichterstattung und einer sowohl flüssigeren als auch transparenteren Gestaltung von Abläufen. Der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen wurde ebenfalls als Argument genannt, da KI bestimmte Arbeitsabläufe erleichtern und Fachkräfte entlasten kann, sodass weniger Zeit für Aufgaben wie Dokumentation aufgewendet werden muss. Die eingesparte Zeit kann in den persönlichen Kontakt fließen oder dadurch mehr bedürftige Menschen erreicht werden. Kritisch diskutiert wurde dagegen die Gefahr, dass KI die menschlich relevanten Faktoren nicht adäquat erfasst und persönliche Einschätzungen der Fachkräfte in der psychiatrischen Arbeit zunehmend an Bedeutung verlieren. Zudem wurden Kosten, technischer Aufwand und die digitalen Kompetenzen der Fachkräfte thematisiert.
Die Teilnehmenden kamen aus unterschiedlichen Bereichen der psychiatrischen und psychosozialen Versorgung – darunter Mitarbeitende aus Kliniken, Beratungsstellen, Verwaltung, Eingliederungshilfe und Selbsthilfeorganisationen ebenso wie Betroffene, Angehörige und interessierte Bürgerinnen und Bürger. Gerade dieser offene Austausch wurde von vielen als besonderer Mehrwert der Veranstaltung hervorgehoben.
Die Psychiatrietage finden seit 1998 alle zwei Jahre statt und sind inzwischen fest verankert. Organisiert wird die Veranstaltung vom Gemeindepsychiatrischen Verbund Marburg-Biedenkopf (GPV) durch engagierte Mitarbeitende aus Einrichtungen, Kliniken und sozialen Diensten, welche die Planung zusätzlich zu ihrem Berufsalltag übernehmen. Das Gesundheitsamt des Landkreises Marburg-Biedenkopf mit seinem sozialpsychiatrischen Dienst ist Teil des Verbundes und hat die Geschäftsführung inne. Nachdem die Psychiatrietage bislang an mehreren Tagen und Standorten stattfanden, wurde 2026 bewusst ein eintägiger Schwerpunkt mit Fokus auf das Hinterland gesetzt.
Auch über 2026 hinaus soll der Austausch fortgesetzt werden: Für 2028 sind bereits die nächsten Psychiatrietage im Landkreis Marburg-Biedenkopf geplant. Ziel bleibt es, aktuelle Entwicklungen aufzugreifen, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen und seelische Gesundheit stärker in die Mitte der Gesellschaft zu rücken.
Kontakt zum Sozialpsychiatrischen Dienst:
E-Mail: sozialpsychiatrischerdienstmarburg-biedenkopfde
Telefon: 06421 405-4131