Marburg-Biedenkopf – Um sich gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen, hat der Landkreis Marburg-Biedenkopf ein Klima-Anpassungskonzept erarbeitet. Dieses Konzept stand im Fokus des jüngsten Klima-Dialoges des Kreises. In verschiedenen Kurzvorträgen gingen Expertinnen und Experten zudem auf weitere relevante und thematisch passende Aspekte und Projekte im Kreis ein: Von Zukunft und Vergangenheit des Klimas über das mobile Löschwasserkonzept bis hin zu Streuobstwiesen.
Der Klimawandel sei ein Thema, das perspektivisch alle Menschen betreffe. Genau deshalb sei es wichtig, dazu Bildung, Workshops und Informationen anzubieten. Der Klima-Dialog sei ein kleiner Mosaikstein dafür, machte Landrat Jens Womelsdorf deutlich. Der Kreis sei gemeinsam mit den Kommunen schon wichtige Schritte gegangen, nun gehe es darum, das erstellte Konzept auch praktisch umzusetzen. „Wenn wir in der Region zusammenarbeiten, macht sie das lebenswerter, stärker und widerstandfähiger. Auch im Hinblick auf die Klimaveränderungen“, sagte Womelsdorf. Der Landkreis hat nicht nur für seinen eigenen Zuständigkeitsbereich ein Klima-Anpassungskonzept erarbeitet, sondern auch 14 Städte und Gemeinden dabei unterstützt, ein eigenes zu entwickeln.
Daniela Hohenwallner vom Fachbüro „alpS GmbH“ ging auf die Klima-Entwicklung in der Vergangenheit bis heute ein: Seit den 1990er Jahren sei eine starke Erwärmung in der nördlichen Hemisphäre, in der auch Marburg-Biedenkopf liegt, zu verzeichnen. Neben steigenden Temperaturen ließen sich auch zunehmende Trockenperioden verzeichnen, also mindestens sieben Tage am Stück ohne ausreichende Niederschläge. Deshalb sei eine Anpassung an die klimatischen Entwicklungen wichtig. Stefanie Lorenz vom Fachbüro „Klima Plus“ sprach wiederum über mögliche Zukunftsszenarien. So würden Sommertage perspektivisch zunehmen. Von Sommertagen spricht man laut dem Deutschen Wetterdienst bei einer Temperatur von 25 Grad oder mehr. Dabei stellte sie zwei Modelle gegenüber: Während in einem Szenario mit mehr Klimaschutzmaßnahmen bis zu neun Sommertage mehr zwischen 2071 und 2100 in Marburg-Biedenkopf zu erwarten seien, wären es in einem Szenario in dem man einfach weiter mache wie bisher sogar 45 Tage. Das hätte drastische Auswirkungen auf alle lebenden Organismen. Auch auf die Perspektiven der Generationen ging sie ein: Während ein Mensch, der 1950 geboren worden sei, bis 2020 ein Temperaturplus von rund 1,2 Grad auf der Welt erlebt habe, sei für eine 2020 geborene Person in 70 Jahren, also bis 2090, im schlimmsten Fall ein Plus von vier Grad möglich. Das unterstreiche den Handlungsbedarf.
Anpassungs-Konzepte zeigen vielfältige Stellschrauben auf
Mareike Lorenz, Klimaanpassungs-Managerin beim Landkreis, ging anschließend auf die erarbeiteten Anpassungskonzepte ein. Im beschlossenen Konzept des Landkreises, welches nun in den nächsten Jahren von der Kreisverwaltung umgesetzt werden soll, sind insgesamt 25 Maßnahmen enthalten, die an verschiedenen Arbeitsbereichen der Kreisverwaltung ansetzen. Schulflächen begrünen, um mehr Schatten zu bieten, sowie eine Karte entwickeln, welche die kühlsten Orte im Landkreis zeigt. Aber auch eine angepasste Planung von Geh- und Radwegen, die beispielsweise wo möglich vermehrt über beschattete Routen geführt werden können – all das sind Beispiele für Maßnahmen des Konzepts. Beispiele für Maßnahmen der 14 teilnehmenden Kommunen in ihren jeweiligen Konzepten: Die Förderung von Hecken in Wetter, da Hecken beispielsweise Schatten spenden und robust sind. Aber auch Klimabildung für Kinder in Cölbe, Begrünung von Kindergärten in Amöneburg und Trinkwasserbrunnen in Lahntal. Ausführliche Informationen zu den Konzepten gibt es online unter www.marburg-biedenkopf.de/klimaanpassung (Öffnet in einem neuen Tab).
Löschwasserkonzept als Antwort auf zunehmende Waldbrandgefahr durch Trockenheit
Kreisbrandmeister Daniel Thome skizzierte das mobile Löschwasserkonzept des Landkreises, er hat das Projekt federführend mitentwickelt. Insgesamt stehen damit insbesondere bei Waldbränden im Landkreis Marburg-Biedenkopf acht Wechsellader-Fahrzeuge mit sogenannten Abrollbehältern für jeweils 10.000 Liter Löschwasser zur Verfügung. Fünf dieser Fahrzeuge und sechs Behälter hat der Kreis neu beschafft. Zwei bereits vorhandene Fahrzeuge mit Behältern steuern die Feuerwehren aus Marburg und Stadtallendorf bei. Für ein bereits vorhandenes Fahrzeug in Biedenkopf wurde noch ein Löschwasserbehälter beschafft. Der kalkulierte Kostenrahmen von rund 2,72 Millionen Euro wurde eingehalten. Die Hälfte davon, also rund 1,36 Millionen Euro, trägt der Kreis. Die andere Hälfte übernehmen die Städte und Gemeinden. Deren Kostenanteil bemisst sich an der Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner – also eine solidarische Aufteilung der entstehenden Kosten innerhalb der kommunalen Familie.
Das Konzept sieht vor, eine Versorgung mit Löschwasser in einer Größenordnung von 1.000 Litern pro Minute an einer Einsatzstelle zu gewährleisten, und das spätestens 60 Minuten nach der Alarmierung. Positiver Nebeneffekt: Fahrzeuge und Behälter könnten im Notfall auch zur Versorgung mit Trinkwasser genutzt werden. Die Funktionsweise eines solchen Fahrzeuges erklärte Thome den Teilnehmenden an einem Fahrzeug der Gemeinde Steffenberg vor dem Kreishaus. Hintergrund und Anlass für die Erarbeitung des Konzeptes war insbesondere der Waldbrand bei Cölbe-Schönstand im Jahr 2022. Mit Waldbränden ist im Zuge des Klimawandels auch in Marburg-Biedenkopf in Zukunft vermehrt zu rechnen.
Streuobstwiesen-Projekt bei Kirchhain
Judith Ziemek, Geschäftsführerin des Landschaftspflegeverbandes (LPV) Marburg-Biedenkopf e.V., und Kirchhains Bürgermeister Olaf Hausmann stellten zudem ein Streuobstwiesen-Projekt bei Kirchhain vor. Gemeinsam mit der Stadt kümmert sich der LPV hier um die Pflege von rund 200 Streuobstbäumen. Solche Streuobstbestände seien insbesondere als Lebensraum für bis zu 5.000 Tier- und Pflanzenarten wichtig – darunter Fledermäuse und Bienen. Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels, durch den viele Tierarten wegen steigender Temperaturen Lebensräume verlieren, werden solche Projekte noch wichtiger, machte Ziemek deutlich. Ein erarbeiteter Sortenplan helfe dabei, mit einer großen Vielfalt an Streuobstsorten im Projektgebiet anpassungsfähiger im Hinblick auf steigende Temperaturen zu sein.
Eine Führung über die neugestaltete Außenfläche des Kreishauses, bei der auf eine klimaangepasste Begrünung geachtet und Flächen entsiegelt wurden, war nach den Fachvorträgen ebenso Teil der Veranstaltung wie Informationsstände.