Marburg-Biedenkopf – Das Saatgut von regional wachsenden Wildpflanzen ist speziell an örtliche Klima- und Bodenbedingungen sowie die Tierwelt angepasst. Mit solchem regionalem Wildsaatgut können besonders widerstandsfähige, blütenreiche Grünflächen angelegt werden, die wertvolles Heu liefern und die Lebensgrundlage für eine Vielzahl von Wildtieren bilden. Ziel des Projektes „Wildsaatgut in der Landwirtschaft“ ist es mit der Gewinnung von Wildsaatgut von noch bestehenden artenreichen Wiesen durch landwirtschaftliche Betriebe die Verfügbarkeit von regionalem Wildsaatgut zu verbessern. Im Sommer 2025 wurde damit begonnen mit verschiedene Verfahren Wildsaatgut zu ernten, mit dem in den nächsten Jahren artenreiche Grünflächen angelegt werden sollen.
In dem Projekt arbeitet der LPV mit landwirtschaftlichen Betrieben aus dem Landkreis, dem Wasser- und Bodenverband Marburger Land (WBV) sowie zwei Instituten der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) zusammen. Gefördert wird das auf vier Jahre angelegte Projekt aus Mitteln der Europäischen Union und des Landes Hessen im Rahmen des Förderprogramms EIP-Agri. Nach einer Auftakt-Veranstaltung im Februar mit rund 40 Teilnehmenden aus Fachkreisen im Kreistagssitzungssaal der Kreisverwaltung ging es nun in die Umsetzung der ersten praktischen Arbeiten. Im ersten Schritt galt es, geeignete Wiesen für die Ernte zu finden. Dafür wurden im Frühjahr über 100 Wiesen begutachtet und hinsichtlich ihrer Eignung als so genannte „Spenderflächen“ geprüft. Wichtige Entscheidungskriterien waren zum Beispiel: Kommen genug biologisch wertvolle Pflanzenarten auf den Wiesen vor? Kommen diese häufig genug vor, damit sich eine Ernte lohnt? Fehlen unerwünschte und giftige Pflanzen? Ist die Ernte praktisch durchführbar? Insgesamt acht der untersuchten Wiesen, verteilt auf die Gemeinden Dautphetal, Stadtallendorf und Ebsdorfergrund, konnten diese Kriterien erfüllen. Nachdem für diese Wiesen bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises die nötige Sammelgenehmigung beantragt wurde, wurden im Juni und Juli auf den Flächen verschiedene Ernteverfahren getestet. Insgesamt acht der untersuchten Wiesen, verteilt auf die Gemeinden Dautphetal, Stadtallendorf und Ebsdorfergrund, konnten diese Kriterien erfüllen. Nachdem für diese Wiesen bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises die nötige Sammelgenehmigung beantragt wurde, wurden im Juni und Juli auf den Flächen verschiedene Ernteverfahren getestet.
So kam neben einem speziell eingestellten Mähdrescher beispielsweise auch ein eigens für die Wildsamenernte konstruiertes Sammelgerät zum Einsatz. Dieses Fahrzeug ist mit einer rotierenden Bürste ausgestattet, welche die Samen ausbürstet und in einer Kammer sammelt. Außerdem wurden besondere Arten, die z.B. nur auf schwer zugänglichen Wiesen wachsen, per Hand gesammelt. „Hierbei ging es insbesondere darum, Erfahrungen zu den unterschiedlichen Verfahren und Pflanzenarten zu sammeln. Das ist wichtig, weil wir wissen müssen, welches Verfahren sich wann und wie für welche Pflanze eignet. Denn sowohl Beschaffenheit und Größe der Flächen als auch Reifezeitpunkt der Pflanzen können natürlich sehr unterschiedlich sein“, erklärt Jan-Niklas Nuppenau, Mitarbeiter des LPV und Projektkoordinator. Beim ersten Durchgang hat der LPV mit seinen Partnern insgesamt ca. 150 Kilogramm Wildsaatgut ernten können.
Die geernteten Samen wurden zum Trocken in einer Halle des Wasser- und Bodenverbandes flächig ausgebreitet. Durch regelmäßiges händisches Wenden sind die Samen soweit getrocknet, dass sie potenziell mehrere Jahre gelagert werden können. Teile des Saatgutes sollen aber schon zeitnah zu Testzwecken auf einer Demonstrationsfläche ausgesät werden. Überdies werden Proben des Saatgutes im Winter an der JLU Gießen auf Keimfähigkeit und Artzusammensetzung getestet. So soll ermittelt werden, welche Pflanzenarten erfolgreich von den Wiesen geerntet wurden und ausgesät werden können. „Derzeit schauen wir, ob im Spätsommer oder Frühherbst noch eine Ernte des zweiten Aufwuchses möglich ist“, so Nuppenau.
Auf lange Sicht will der LPV mit seinen Partnern mit der Gewinnung von Wildsaatgut eine alternative Einkommensquelle für landwirtschaftliche Betriebe im Kreis schaffen. „Mit dem Projekt möchten wir herausfinden, ob und wie es gelingen kann, ein Netzwerk aus lokalen landwirtschaftlichen Betrieben aufzubauen, das regionales Wildsaatgut von eigenen Wiesen erntet und vertreibt“, führt Judith Ziemek, Geschäftsführerin des LPV, aus und ergänzt: „So profitieren idealerweise sowohl die Landwirtschaft als auch der Naturschutz.“
Landwirtschaftliche Betriebe, die an einer Projektteilnahme interessiert sind und über artenreiches und seit vielen Jahren extensiv genutztes Grünland verfügen, können sich gerne beim LPV melden.
Kontakt: Jan-Niklas Nuppenau, LPV Marburg-Biedenkopf, Tel. 06421 405-6222,
NuppenauJMarburg-Biedenkopfde