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Pressemitteilung 467/2018

08.12.2018

„Eine autofreie Stadt ist keine Apokalypse“ – Harald Welzer gibt im Landratsamt neue Denkanstöße

Marburg-Biedenkopf – Wer einen moralpredigenden Ökoaktivisten erwartet hatte, wurde von Professor Dr. Harald Welzer enttäuscht. Mit viel Witz und Humor erläuterte er den mehr als 200 Zuschauern im Sitzungssaal des Landratsamtes Marburg-Biedenkopf was Nachhaltigkeit mit Demokratie und Freiheit zu tun hat.

In seinem 90-minütigen Vortrag zeichnete Professor Dr. Harald Welzer das Bild einer Erfolgsgeschichte an der alle teilhaben – auch in Zukunft: Wer etwas zum Positiven verändern wolle, müsse den Menschen ein positives Angebot machen. Man könne Menschen für Dinge begeistern, wenn sie lustvoll und schön sind.

Bekannt wurde er mit seinen Bestsellern „Klimakriege: Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“ sowie „Selbst Denken: Eine Anleitung zum Widerstand“. Mit der von ihm gegründeten gemeinnützigen Stiftung „Futurzwei. Stiftung Zukunftsfähigkeit“ sollen neue Denkanstöße und Beispiele für eine lebenswerte und „enkeltaugliche“ Zukunft gegeben werden.

Für Harald Welzer ist die Freiheit in einer offenen Gesellschaft Grundvoraussetzung für Nachhaltigkeit und Demokratie. Eine freiheitlich offene Gesellschaft zeichne sich dadurch aus, dass sie den Menschen zur Teilhabe einlädt, aber nicht dazu zwinge. Die Stärke dieser Gesellschaft, so Welzer, bestünde in dem Versprechen an dem Wohlstandzuwachs teilzuhaben. „Damit ist sowohl der Zugang zu Gütern gemeint als auch der Zugang zu Bildung“, betonte Welzer. Dadurch habe die offene Gesellschaft eine hohe Systemzustimmung gehabt. Diese Offenheit trieb als Mechanismus die Modernisierung der Gesellschaft voran. Sie erlaubte es, dass verschiedene Interessen und Lebensentwürfe gesellschaftlicher Konsens wurden. Forderungen wie die Gleichstellung von Mann und Frau oder die Einführung von Arbeitnehmerrechten oder der Umweltschutz sind heute gesellschaftlich akzeptiert.

Gleich zu Beginn seines Vortrages schlug Professor Dr. Harald Welzer die Seiten einer stark bebilderten Zeitung auf und las aus einem Reisebericht vor. Stakkatoartig berichtet darin ein Reisender von einem sehr günstigen, fünftägigen, allinclusive Jetset-Urlaub rund um die Welt. „Selbstredend, der ökologische Fußabdruck dieses Mannes ist eine Katastrophe“, so Welzer Bei solchen Berichten, könne er verstehen, wenn sich bei vielen Akteuren massive Frustration einstelle.

So ehrbar die Versuche von vielen Akteuren aus der „Öko-Szene“ seien, andere Menschen von einer besseren Lebensweise zu überzeugen, seien ihre Methoden umso fragwürdiger. Für Welzer steht fest: „Menschen mögen es nicht, moralisch aufgefordert zu werden!“. Er wirft daher vielen Akteuren vor, dass sie den Menschen, außer apokalyptischen Horrorszenarien, kein attraktives Gegenangebot machen. „Kehret um, sonst geht die Welt unter, deckt sich nicht mit der alltäglichen Wahrnehmung der meisten Menschen. Seit über 30 Jahren geht die Welt schon unter und die Uhr steht immer fünf vor zwölf“, sagte Welzer. Eine negative Begründung ist aus Welzers Sicht überhaupt nicht notwendig, um für eine bessere Gesellschaft zu werben. „Eine autofreie Stadt ist keine Apokalypse“.

Auf die Publikumsfrage, wie er denn Menschen überzeugen würde, antwortete Welzer: „In dem ich positive Geschichten erzähle. Viele wissen nicht wo sie anfangen sollen und sind daher sehr schnell resigniert. Die Geschichten, die ich mit meiner Stiftung sammle und erzähle, sind aber auch keine reinen Erfolgsgeschichten“. Es sei jedoch wichtig, dass man den Menschen Mut mache das Veränderung möglich sei.

„Viele Menschen hätten auch kein Vertrauen mehr in eine positive Zukunft“, sagte Welzer. Schuld seien auch die apokalyptischen Horrorszenarien. Sie hätten bewirkt, dass die Menschen heute viel Gegenwartsbezogener seien. „Man könne das sozialpsychologisch auch ganz gut verstehen, wenn die Welt eh unter geht, warum soll ich mich ändern? Dann genieße ich mein Leben so lange ich kann“, so Welzer. Ein anderer Grund sei, dass das Grundversprechen der offenen Gesellschaft erodiert sei. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen noch breite Bevölkerungsgruppen Anteil an dem Wohlstandszuwachs. Der Soziologe Ulrich Beck nannte das den „Fahrstuhleffekt“. Im Bewusstsein, dass es den eigenen Kindern einmal besser gehen würde als einem selbst, gewann die offene Gesellschaft großen Zuspruch.         

Harald Welzer wusste in seinem Vortrag zu überraschen. So gestand er seine Leidenschaft für schnelle Autos und Motorräder. Jedoch nur auf die seiner Jugend. „Das ist wohl der verklärten Nostalgie geschuldet“, spottet er. Dann wurde er wieder ernst: Die offene Gesellschaft als „zivilisatorisches Projekt“ sei heute gefährdet. Denn die materiellen Kosten der Konsum- und Wegwerfgesellschaft seien zu hoch. Gleichzeitig würden autoritäre Staaten beweisen, dass wirtschaftliche und gesellschaftliche Freiheit keine zwingende Einheit bildete. Damit verlöre die freiheitlich offene Gesellschaft ein wichtiges Argument.

Die Vielfalt einer offenen Gesellschaft ziehe auch Probleme mit sich. „Die offene Gesellschaft führte zu einer Vereinzelung des Menschen“, behauptet Welzer. „Es gibt in unserer modernen Demokratie wenig Gemeinschaftsstiftendes mehr“. Und Institutionen wie Kirchen, Parteien und Gewerkschaften erreichen nicht mehr breite Teile der Gesellschaft.

Ein junger Syrer habe ihm erzählt, dass er sich die ersten Jahre sehr verloren in Deutschland gefühlt hätte, obwohl er alles bekommen habe. „Und wissen sie“, fragte Welzer das Publikum, „was den jungen Syrer hat ankommen lassen? Die Fußballweltmeisterschaft. Ein inklusives kollektives Großereignis, dass Menschen über alle kulturellen und sozialen Grenzen verbunden hat“. Erzählungen wie diese gäben ihm Hoffnung. Zuversichtlich stimmten ihn auch die vielen jungen Teilnehmenden der Seebrücken-Demonstrationen, die sich für Seenotrettungen im Mittelmeer einsetzen. „Diese jungen Leute halten europäische Werte hoch“. Es sei eine Schande Seenotrettung zu kriminalisieren.

Sein Publikum entließ er am Ende der Fragerunde mit den Worten: „Ich möchte, dass sie sich selbst Fragen stellen und selber Antworten finden“. Ein Aufruf an die Menschen selbst zu denken.

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