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Ärztemangel – ein Problem gerade für alte Menschen?
(Pressemeldung 5/2008 vom 03.01.2008)

Marburg-Biedenkopf – Ende des letzten Jahres fand in der Kreisverwaltung in Marburg-Cappel eine Veranstaltung zum  Thema Ärztemangel statt. Gemeinsam mit der Alzheimergesellschaft Marburg e.V. und der Gesellschaft für Ethik und Medizin hatte der Landkreis Marburg-Biedenkopf durch die Stabsstelle Altenhilfe und den Fachbereich Gesundheit im Rahmen ihrer Vortragsreihe dieses sehr wichtiges Thema aufgegriffen. In der Nachbereitung der Veranstaltung wurde nochmals deutlich, dass dieses Thema gerade in Zukunft und insbesondere in den ländlichen Räumen eine große Bedeutung spielen kann.

„Ärztemangel – ein Problem gerade für alte Menschen?“. Der Referent Prof. Dr. med. Norbert Schmacke, Hochschullehrer für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bremen und Leiter der Arbeits- und Koordinierungsstelle Gesundheitsforschung hatte dazu in der Kreisverwaltung einen Vortrag gehalten. Die Veranstaltung wurde vom Ersten Kreisbeigeordneten Dr. Karsten McGovern moderiert, der darauf hinwies, dass es auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf gerade bei der ärztlichen Versorgung älterer Menschen schon zu Engpässen gekommen sei und auch die Nachbesetzung von Hausarztpraxen sich in ländlichen Gebieten schwierig gestalte. „Die Frage ist, was wir heute tun können, um künftig eine gute ärztliche und pflegerische Versorgung zu haben. Dabei ist es wichtig, die Pflege nicht getrennt von der ärztlichen Versorgung zu sehen. In dieser Hinsicht bietet der Vortrag eine Reihe von Anregungen insbesondere zur besseren Verzahnung von Pflege und Medizin“.

Seit Jahren wird vermehrt darüber diskutiert, wie in strukturschwachen Regionen die Arztdichte auf einem erforderlichen Niveau gehalten werden kann. Nach der „Ärzteschwemme“ ist jetzt von „Ärztemangel“ die Rede. Von ärztlicher Seite wird gefordert, die Niederlassung in derartigen Regionen finanziell attraktiver zu gestalten. Die Bundesregierung hat bereits eine Reihe gesetzlicher Neuregelungen erlassen.

Erst in jüngster Zeit wird intensiver darüber gesprochen, dass eine gute Versorgung nicht allein von der Arztdichte abhängig ist und dass insbesondere alte Menschen vor allem darauf angewiesen sind, dass die Zusammenarbeit zwischen Medizin, Pflege und Sozialdiensten verbessert wird. Eine verengte Betrachtung des Themas „Ärztemangel“ wird diesem Problem nicht gerecht. In dem Vortrag berichtete Prof. Schmacke über deutsche und internationale Anstrengungen zu einer besseren Integration der verschiedenen Versorgungsebenen. Noch nie gab es in Deutschland so viele berufstätige Ärztinnen und Ärzte wie jetzt und trotzdem sprechen wir von einem „Ärztemangel“. Genauer betrachtet handele es sich eher darum, dass wir Regionen unterschiedlicher Arztdichte haben. So gibt es in ländlichen und strukturschwachen Regionen eine Unterversorgung mit niedergelassenen Ärzten gegenüber einer Überversorgung in den Städten oder Großstädten.

Interessanterweise belegen internationale Studien, dass es offenkundig keinen einfachen bzw. direkten Zusammenhang zwischen Arztdichte und Qualität der medizinischen Versorgung gibt. In strukturschwachen Gegenden der USA, Australiens und anderen Ländern haben sich folgende Konzepte gegen Ärztemangel bewährt: Die Rekrutierung von Studierenden aus strukturschwachen Gegenden, soweit sie über eine starke Motivation zur hausärztlichen Versorgung verfügen, ein verlässliches Mentorensystem und fortwährende Praktika sowie finanzielle Unterstützung im Studium.

Instrumente der Politik in Deutschland könnten zum Beispiel sein: die Besserstellung von Hausärzten in der Vergütung, die Ermöglichung eines Angestellten-Status, auch mit Teilzeitbeschäftigung oder die Einrichtung von medizinischen Versorgungszentren.

Ärztemangel und alte Menschen
Mit zunehmendem Alter gewinnen Mehrfacherkrankungen, wie etwa Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rheuma oder Demenz und Einschränkung des Aktionsradius sowie Vereinsamung zunehmend an Bedeutung. Das Ziel soll eine verlässliche Versorgung der häufig mehrfach erkrankten alten Menschen durch ein interdisziplinäres Team (für medizinische, pflegerische und soziale Probleme) sein. In diesem Zusammenhang wies der Referent auch auf die Bedeutung, ehrenamtlicher Unterstützung hin.

Zusammenfassend zum Ärztemangel traf er folgende Feststellung:
1. Der Blick auf Niederlassungszahlen allein reicht nicht.
2. Gleiche Verteilung von Ärzten ist ein frommer Wunsch!
3. Das Problem der „strukturschwache Region“ ist kein Ärztethema.
4. Der Beruf der Hausärztin bzw. des Hausarztes muss auf vielfältigen Wegen attraktiver gemacht werden.
5. Andere Fachberufe können mehr Aufgaben übernehmen.
6. Dienstleistungen für alte Menschen müssen vielleicht auch wieder verstärkt ehrenamtlich erbracht werden.

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