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Das Exponat des Monats Juli 2013 im Schloss Biedenkopf ist ein Notizbuch mit Backrezepten – Einträge im Zeitraum von 1896 bis 1951 geben interessante Einblicke

(Pressemitteilung Nr. 261/2013 vom 08.07.2013)

Marburg-Biedenkopf – Kürzlich wurden dem Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf von Rosemarie Benner aus Biedenkopf einige interessante gedruckte und handschriftliche Bücher überlassen. Dazu gehört auch ein kleines Notizbuch, das als Exponat des Monats Juli präsentiert wird. Das Buch enthält im ersten Teil Backrezepte aus den Jahren 1896 und 1929 sowie im zweiten Teil Aufzeichnungen über verkaufte Waren von 1930 bis 1951.

Ein Stempelvermerk auf den Vorsatzblättern gibt an „Otto Schmidt, Bäcker und Conditor“. Die Bäckerei Schmidt befand sich in der Hainstraße 21 in Biedenkopf. Das Einwohnerverzeichnis von 1895 nennt unter dieser Adresse Heinrich Schmidt III., Wirt und Bäcker, und das von 1938 Otto Schmidt, Gastwirt, und Otto Schmidt jr., Bäckerei und Gastwirtschaft.

Die Rezepte wurden vermutlich von Otto Schmidt sen. und jun. während ihrer Lehrzeiten niedergeschrieben.  Die älteren Rezepte notierte einer Eintragung zufolge Otto Schmidt (sen.?) 1896 in Bad Nauheim. Es schließen sich Rezepte an, die mit „Otto Schmidt / 1929 / Frankfurt a.M.“ bezeichnet sind.

1896 wurde vor allem die Zubreitung von Torten aufgeschrieben. Genannt werden Apfeltorte, Kirschtorte, Erdbeertorte, Käsetorte, Mandeltorte, Sandtorte, Brottorte, Rahmtörtchen, Nusstörtchen, Bisquittorte, russische Cremetorte und solche Produkte mit klingenden Namen wie „Amortorte“, „Tricolortorte“, „Kabinettstorte“, „Sedantorte“ und „Victoriatörtchen“. Kuchen finden sich deutlich weniger, es sind Natronkuchen, Teekuchen, Schlangenkuchen und „Kaiserkuchen“. Weiter wurden an Backwaren notiert Vanilleplätzchen, Anisplätzchen, Sandplätzchen, Aprikosensterne, Spekulatius, Pfeffernüsse, Mandelbrot sowie Lebkuchen und Spritzgebäck. Daneben gab es Vanillebretzel, Butterbretzel, Schaumbretzel und spanische Bretzel sowie Haselnussstangen und glasierte Stangen. Von den zahlreichen übrigen Rezepten sollen noch erwähnt werden „Mohrenköpfe“, Windbeutel, „Cocolade“ und „Kriegsmakronen“. Bei den Rezepten von 1929 finden sich teilweise neue Backwaren wie Amerikaner, Moskauer, Kasseler oder Englischer Kuchen. Jetzt gab es auch Bienenstich und Stollen.

Exemplarisch können einige Rezepte einmal genannt werden. Die aufwändigste Torte war die „Sedantorte“, benannt nach dem Ort, an dem 1870 eine vorentscheidende Schlacht im deutsch-französischem Krieg stattfand. Das Gedenken an diese gewonnene Schlacht spielte im militaristisch ausgerichteten deutschen Kaiserreich eine wichtige Rolle - es gab sogar einen „Sedantag“ - und fand wie man hier erkennen kann auch Eingang in alltägliche Dinge.

Das Rezept für die Sedantorte lautet: „¾ Pfund Zucker; ¼ Pfund Butter; 12 Loth geriebene Mandeln; 5 Loth Puder und 5 Loth Mehl gemischt; 10 Eiweissschnee; 14 Eigelb; etwas Rum und 2 Loth Himbeermarmelade [1 Loth = 16,666 g]. Die Butter wird mit Eigelben, dem Zucker, den Mandeln, dem Puder und Mehl, welches alles nur nach und nach dazu kommt, schaumig gerührt. Dann kommt der Rum herein. Dann wird die Masse getheilt und die eine Hälfte mit Carmin rot gefärbt, die andere aber natura gelassen. Dann der Schnee zu gleichen Teilen einmelirt und die beiden Massen in je einem Ringe gebacken. Die Böden werden mit Himbeermarmelade zusammengesetzt und neben mit weiser, oben mit rosa Maraschinoglasur glasirt und garnirt.“

Der „Kaiserkuchen“, dessen Name die damalige politischen Verhältnisse widerspiegelt, war besonders füllig: „1 Pfund Zucker; 1 Pfund Butter; 1 Pfund 200 gr. Mehl, 10 Eiweiß, 16 Eigelben, Rosinen, Sultaninen, Corinten, Citronat, Citrone.

Zucker und Butter werden schaumig gerührt und nach und nach die Eigelben, dann die Füllung und zuletzt der Schnee und Mehl einmelirt.“

Im zweiten Teil des Buches notierte Otto Schmidt ab 1930 für Feiertage und Markttage die verkauften Waren, offenbar um einen Anhaltspunkt zum Bedarf für diese Tage zu haben. Er zeichnete dabei nur die gängigsten Artikel auf: Dies waren vor allem Weißbrot, Brötchen, Kränze, Apfel-, Streusel- und Käsekuchen. Kreppel gab es auf Silvester und Neujahr sowie auf Fastnacht. Der Verkaufserfolg war unterschiedlich: Am 31. Dezember 1930 waren Wasserwecke und Brötchen schließlich ausverkauft, Kreppel bereits gegen 4 Uhr. Bei dem Kirschenmarkt am 30. Juni 1932 war der „Besuch über aller Erwarten, so was war noch gar nicht da“, Brötchen und Kaffeegebäck „um ½ 2 schon ausverkauft“. Zu Weihnachten 1937 hieß es jedoch: „Ein grosser Reinfall in Brot und Kuchen“.

Die Eintragungen enden im Sommer 1939 und beginnen wieder mit dem Konfirmandenmarkt am 24. März 1949. Hierzu notierte Schmidt: „Erster Markt nach dem Kriege. Brot u. Backwaren immer noch bewirtschaftet … Als erster Markt nach dem Krieg war der Besuch sehr schlecht. Das Angebot an Waren aller Art war sehr gross. Jedoch hat die Kaufkraft sehr abgenommen.“

Zu sehen ist das Exponat des Monats in einer Vitrine in der Schlossküche, wo Besucher jeden Monat ein Exponat besichtigen können, das üblicherweise im Depot gelagert ist und sonst nur zu passenden Sonderausstellungen gezeigt werden kann (Öffnungszeiten: 1. April bis 15. November, dienstags bis sonntags: 10 bis 18 Uhr).

Notizbuch von 1896 bis 1951. Foto: Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf
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Notizbuch von 1896 bis 1951.
Foto: Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf

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