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„Erinnerung und Aussöhnung als Lebensaufgabe“ – Finanzminister Dr. Thomas Schäfer und Landrat Robert Fischbach zeichnen Luise Bäcker aus Biedenkopf mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande aus
(Pressemitteilung Nr. 247/2012 vom 22.06.2012)
Der Hessische Finanzminister Dr. Thomas Schäfer und der Landrat des Landkreises Marburg-Biedenkopf, Robert Fischbach, haben Luise Bäcker aus Biedenkopf den Verdienstorden der Bundesrepublik in der Ordensstufe „Verdienstkreuz am Bande“ überreicht. „Als Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz, Mauthausen, Ravensbrück und Bergen-Belsen steht Luise Bäcker weit über Hessen hinaus für die Erinnerungs- und Trauerarbeit im Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Sie hat aber auch Aussöhnung und Verständigung zu ihrer Lebensaufgabe gemacht“, betonte Finanzminister Dr. Schäfer.
„Sie sorgt dafür, dass sich auch jüngere Generationen mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte auseinandersetzen kann und leistet so auch einen wichtigen Beitrag für die Zukunft“, ergänzte Landrat Robert Fischbach.

Luise Bäcker wurde aufgrund des sogenannten Auschwitz-Erlasses aus dem Jahre 1942, mit dem die Deportation der im Deutschen Reich lebenden Sinti und Roma angeordnet wurde, am 8. März 1943 im Alter von zwölf Jahren gemeinsam mit ihren Eltern und elf Geschwistern in ihrem Heimatort Biedenkopf verhaftet, nach ihren eigenen Worten „wie die Tiere durch die Stadt getrieben“ und nach Auschwitz deportiert. In Auschwitz wurde die Familie auseinandergerissen, die älteren Geschwister kamen in andere Lager, Luise Bäcker blieb mit ihren Eltern und vier Geschwistern in Auschwitz. Später wurde sie in die Lager Mauthausen, Ravensbrück und Bergen-Belsen verlegt, aus dem sie im April 1945 von alliierten Truppen befreit wurde. Ihre Eltern und drei ihrer Geschwister wurden im August 1944 in Auschwitz ermordet. Nach ihrer Befreiung kehrte sie nach Biedenkopf zurück. Mit ihrem 2001 verstorbenen Mann hatte sie neun Kinder, von denen zwei bereits im frühen Kindesalter verstarben.

Seit den 1990-er Jahren engagiert sich Luise Bäcker in der Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma und ist Mitglied im Beirat der Holocaust-Überlebenden des 1997 eröffneten Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg (www.sintiundroma.de). An der Konzeption und der Gestaltung der ständigen Ausstellung über den nationalsozialistischen Völkermord hat sie durch Interviews und persönliche Fotos ihrer Familie mitgewirkt. In gleicher Weise beteiligte sie sich an der ständigen Ausstellung in Auschwitz, die 2001 eröffnet und seitdem in englischer Version im Europäischen Parlament in Straßburg (2006), bei den Vereinten Nationen in New York (2007) sowie in vielen europäischen Hauptstädten gezeigt wurde.

„Die Sprachlosigkeit in Bezug auf die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur war vor allem in den Nachkriegsjahren vorherrschend in unserer Gesellschaft. Umso mehr sind bis heute Stimmen wie die von Luise Bäcker notwendig und wichtig, die an das Leiden und Sterben einer viele Jahre vernachlässigten Opfergruppe erinnern“, so Dr. Schäfer. So begleitet Luise Bäcker seit mehreren Jahren Delegationen von Holocaust-Überlebenden zu Gedenkveranstaltungen, bei denen sie zum Teil auch als Rednerin aufgetreten ist. Sie gehörte auch zu den Delegationen des Zentralrats der Sinti und Roma, die zur jährlichen Gedenkstunde in den Deutschen Bundesrat eingeladen wurden.

„Luise Bäcker hat als Zeitzeugin ganz entscheidend dazu beigetragen, dass die Sprachlosigkeit überwunden wurde“, betonte der Finanzminister. Im Rahmen zahlreicher Veranstaltungen ist Luise Bäcker die Begegnung mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen trotz der enormen physischen und psychischen Belastungen besonders wichtig: In Krakau und in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz traf sie junge Menschen aus Deutschland, Polen und der Ukraine. Im Jahr 2009 begleitete sie eine Gruppe Jugendlicher der deutschen Sinti und Roma nach Auschwitz. „Die Gespräche und Diskussionen mit Zeitzeugen und Überlebenden des Holocaust haben eine große Bedeutung für das kollektive Gedächtnis in Deutschland“, betonte der Minister. „Und sie sind gerade auch in ihrer Wirkung auf Jugendliche das Fundament für Aussöhnung und Verständigung in unserer Gesellschaft.“

Seit vielen Jahren engagierte sich Luise Bäcker in Gesprächen und öffentlichen Auftritten zudem für die Errichtung eines zentralen Denkmals zur Erinnerung an die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Berlin, das in diesem Jahr fertig gestellt und am 25. Oktober eingeweiht wird. „Mit dem Denkmal an zentraler Stelle in Berlin in unmittelbarer Nähe des Reichstages hat die Erinnerung der Sinti und Roma und auch von Luise Bäcker einen Ort gefunden“, betonte Finanzminister Dr. Schäfer. Darüber hinaus wurden auf Initiative von Luise Bäcker in Biedenkopf mehrere sogenannte „Stolpersteine“ verlegt, mit denen an die nationalsozialistische Verfolgung ihrer Familie erinnert wird.

„Das Schicksal und die Lebensleistung von Luise Bäcker verdienen unseren Respekt und unsere höchste Anerkennung. Trotz ihrer schrecklichen Erfahrungen hat sie mehrfach den Weg nach Auschwitz erneut auf sich genommen, um an den Leidensweg und den Genozid an den Sinti und Roma in Europa zu erinnern“, so Finanzminister Dr. Schäfer abschließend.
  Für ihr außergewöhnliches Engagement wurde im Landratsamt Luise Bäcker aus Biedenkopf mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, das ihr von Finanzminister Dr. Thomas Schäfer (re.) und Landrat Robert Fischbach ausgehändigt wurde. Foto: Landkreis
Für ihr außergewöhnliches Engagement wurde im Landratsamt Luise Bäcker aus Biedenkopf mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, das ihr von Finanzminister Dr. Thomas Schäfer (re.) und Landrat Robert Fischbach ausgehändigt wurde. Foto: Landkreis
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