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MRE-Netz Mittelhessen setzt sich für die Reduzierung bzw. Vermeidung der MRE–Entstehung ein – Prof. Dr. Eickmann: „Mit diesem Netz wird eine Lücke geschlossen, die bisher bestand“
(Pressemitteilung Nr. 213/2013 vom 07.06.2013)

Marburg-Biedenkopf – Nach Einschätzung der Europäischen Gesundheitsbehörde (ECDC) stellen multiresistente Erreger (MRE) die bedeutendste Krankheitsbedrohung Europas dar. Jährlich erkranken in Europa circa drei Millionen Menschen an Infektionen mit multiresistenten Erregern, dabei kommt es zu geschätzten 50.000 Todesfällen. Antibiotika - zweifellos einer der wesentlichen Fortschritte der modernen Medizin – konnten die anfängliche Hoffnung, Infektionskrankheiten besiegen zu können, nicht erfüllen. Vielmehr offenbart sich in den letzten Jahren zunehmend, dass der breite und oft unkritische Einsatz der Antibiotika erhebliche Probleme nach sich zieht, indem Krankheitserreger gegenüber den eingesetzten Antibiotika unempfindlich (resistent) werden. Eine sogenannte Multi-Resistenz liegt vor, wenn Keime gegen mehrere Antibiotika resistent sind. Beispiele dieser multiresistenten Erreger (MRE) sind MRSA, VRE und MRGN, aber auch Erreger der Tuberkulose und Gonorrhoe.

„Die effektive Bekämpfung setzt eine koordinierte Vorgehensweise der Akteure im Gesundheits- und Pflegewesen sowie einen zielgerichteten Wissenstransfer voraus. Daher haben sich die fünf mittelhessischen Landkreise Gießen, Lahn-Dill-Kreis, Limburg-Weilburg, Marburg-Biedenkopf und Vogelsberg, das Regierungspräsidium Gießen sowie das Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen im Februar 2011 zum MRE-Netz Mittelhessen zusammengeschlossen“, berichtete Dr. Karsten McGovern, Erster Kreisbeigeordneter und Gesundheitsdezernent des Landkreises in einem Pressegespräch.

Prof. Dr. Thomas Eikmann (Direktor des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin, JLU Gießen, Vorsitzender des MRE-Netzes-Mittelhessen) und Prof. Dr. Reinier Mutters (Krankenhaushygieniker des UKGM Marburg, Fachausschuss Antibiotika-Therapie MRE-Netz Mittelhessen) sowie Dr. Martin Just vom Fachbereich Gesundheit des Landkreises machten deutlich, welche Zielsetzung mit dieser Zusammenarbeit verfolgt wird. Es geht um die Reduzierung bzw. Vermeidung der MRE–Entstehung und deren Verbreitung in der Region. Natürlich gehört auch die Verbesserung der Behandlung und Rehabilitation MRE-besiedelter bzw. -infizierter Patienten dazu, ebenso die Verhinderung der Stigmatisierung Betroffener.

Unter der Moderation und Koordination des Öffentlichen Gesundheitswesens sollen alle Akteure des Gesundheits- und Pflegewesens (stationäre und ambulante Einrichtungen der Pflege und Medizin, Rettungsdienst etc.) für die Mitwirkung im MRE-Netz Mittelhessen gewonnen werden. Prof. Dr. Eikmann betonte, dass es von großer Bedeutung sei, neben der dringend notwendigen guten Vernetzung und Informationsweitergabe (etwa über MRE-Patienten, die zurück ins Altersheim gebracht werden), vor allem einheitliche Standards herzustellen, damit man vom Krankenhaus angefangen über die Pflegeeinrichtungen, den Krankentransport bis hin zur Zahnmedizin und zur Veterinärmedizin bei diesen wichtigen Fragen zusammenarbeite. „Unsere Hauptprobleme bei dieser Arbeit sind ‚Kein Geld’ und mangelnde Informationen. Durch die breit angelegte Arbeit mit vielen verschiedenen Arbeitsgruppen erhoffen wir uns viel Akzeptanz! Mit diesem Netz wird eine Lücke geschlossen, die bisher bestand“, so Prof. Dr. Eickmann.

Prof. Dr. Mutters machte deutlich dass man bei den Antibiotika am Ende der Fahnestange angekommen sei. 50 Jahre habe man Antibiotika teilweise sehr unkritisch verabreicht und jetzt habe man die Probleme mit den Resistenzen. Nunmehr müsse man zu anderen Maßnahmen greifen, denn auch die Menschen selbst könnten einiges tun. Am Uniklinikum sei erfolgreich die MRSA-Untersuchung bei gefährdeten Personengruppen eingeführt worden, die eine Verbreitung der Erreger deutlich eindämmen kann. „Auch Patienten üben oftmals Druck auf ihre Ärzte aus und verlangen Antibiotika, selbst bei Erkältungen. Diese Krankheiten kann man sicherlich auch ohne Antibiotika überstehen.“ Mit der Gabe von Antibiotika sollte man zurückhaltender umgehen. Als wichtig werden auch Gespräche mit Veterinärmedizinern angesehen, da derzeit rund 70 Prozent der Antibiotika im Veterinärbereich (Schweinezucht) verabreicht werden.

Dr. Just wies schließlich darauf hin, dass der Fachbereich Gesundheit des Landkreises die Akteure vor Ort kenne und zusammenführen könne. Die Erarbeitung und flächendeckende Umsetzung verbindlicher Handlungsempfehlungen für die einzelnen Bereiche und Schnittstellen unter Einbeziehung aller vorhandenen und erforderlichen Maßnahmen zur Erkennung, Behandlung und Bekämpfung multiresistenter Erreger ist demnach ein wichtiger Aufgabenbereich. Wichtig sei es aber, dass die einzelnen Gruppen ihre Hygieneregeln selbst erarbeiten würden, dann sei die Bindung entsprechend größer.

Abschließend verdeutlichten die Fachleute, was die zehn wichtigsten Überträger der Erreger seien: Die zehn Finger! Wird man deswegen irgendwann auf das bekannte Händeschütteln verzichten und Begrüßungsformen wie etwa das Verneigen wie in Japan einführen? Die Experten glauben, dass das irgendwann kommen kann, aber auch, dass sich das nicht so schnell umsetzen lässt.

Dr. Martin Just, Erster Kreisbeigeordneter Dr. Karsten McGovern, Prof. Dr. Reinier Mutters und Prof. Dr. Thomas Eickmann (v.l.n.r.) zeigten, wer die jeweils zehn wichtigsten Überträger der Erreger sind: Die zehn Finger!  Foto: Landkreis
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Dr. Martin Just, Erster Kreisbeigeordneter Dr. Karsten McGovern, Prof. Dr. Reinier Mutters und Prof. Dr. Thomas Eickmann (v.l.n.r.) zeigten, wer die jeweils zehn wichtigsten Überträger der Erreger sind: Die zehn Finger!  Foto: Landkreis
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