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Projekt „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ gestartet – Landkreis Marburg-Biedenkopf arbeitet eng mit dem Frauennotruf Marburg e.V. zusammen

(Pressemitteilung 190/2017 vom 01.06.2017)

Marburg-Biedenkopf – Eine Vergewaltigung ist ein medizinischer Notfall. Wenn sich eine Betroffene direkt nach der Tat zu einer Anzeige entschließt, ist das Vorgehen weitgehend geregelt: Die Polizei fährt die Frau zur medizinischen Versorgung sowie zur Befund- und Beweissicherung in die Klinik und trägt die anfallenden Kosten. Unklar wird es dann, wenn eine Frau den Täter nicht oder noch nicht anzeigen möchte.

In diesem Fall bleiben viele Frauen unversorgt oder sind aufgefordert, die Kosten für Untersuchung und medizinische Befundsicherung selbst zu tragen. „Gründe, sich zunächst nicht für eine Anzeige zu entscheiden, sind beispielsweise Scham oder Angst davor, was nach der Anzeige passiert oder die Furcht vor langjährigen Prozessen mit ungewissem Ausgang hemmen Frauen häufig, rechtlich gegen ihre Peiniger vorzugehen. Aus unserer Sicht sollte jede Frau das Recht haben, individuell ihre Entscheidung zu treffen“, betont Rebekka Jost vom Frauennotruf Marburg e.V.

„An dieser Stelle setzt das Projekt ,Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung‘ an. Ziel ist es, diese Versorgungslücke durch ein standardisiertes ärztliches Vorgehen zu schließen. Kostenlos und unkompliziert soll der Zugang zur medizinischen Hilfe für Betroffene nach einer Vergewaltigung sein“, erläutert Andrea Schroer, Ärztin beim Gesundheitsamt des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Darüber hinaus solle das Angebot einer vertraulichen Spurensicherung festgeschrieben werden – auch ohne sofortige Anzeige.

Zu diesem Zweck soll die vom Frauennotruf Frankfurt entwickelte und erprobte Vorgehensweise des „Frankfurter Modells“ auf den Landkreis Marburg-Biedenkopf übertragen werden. Das bundesweit einmalige Projekt ist bereits in acht hessischen Kommunen erfolgreich umgesetzt und kann vorerst für eine Projektlaufzeit von zwei Jahren bis 2019 im Landkreis Marburg-Biedenkopf angewendet werden.

Angesiedelt ist das Projekt beim Gesundheitsamt des Landkreises Marburg-Biedenkopf in enger Zusammenarbeit mit dem Frauenbüro und dem Frauennotruf Marburg e.V. Die Projektleitung liegt bei Andrea Schroer vom Fachdienst Prävention und Beratung des Gesundheitsamtes und bei Rebekka Jost vom Frauennotruf Marburg. Für die praktische Umsetzung des Projekts ist der Frauennotruf Marburg e.V. zuständig. Dabei kann der Verein auf langjährige Expertise und Erfahrung im Bereich der medizinischen Akutversorung zurückgreifen: Bereits 2011 begann der Frauennotruf Marburg e.V. damit, Strukturen im Bereich der medizinischen Akutversorgung nach Vergewaltigung aufzubauen. Ein Jahr später veranstaltete der Verein in Kooperation mit dem Frauenbüro des Kreises erstmals einen Fachtag zum Thema „Sexualisierter Gewalt – Untersuchung, Dokumentation und Spurensicherung in der medizinischen Praxis“.

Das Projekt „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ ist eingebettet in die kontinuierliche Vernetzungs- und Öffentlichkeitsarbeit der Beteiligten Institutionen und basiert auf der bereits bestehenden Zusammenarbeit mit den gynäkologischen Kliniken und den niedergelassenen Frauenärztinnen und Frauenärzten. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf übernehmen die Gynäkologischen Kliniken des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKKGM) und Diakoniekrankenhaus Wehrda die medizinische Akutversorgung.

Durch Fortbildungen für das medizinische Personal und verbindliche Regelungen zur Organisation und Finanzierung der Materialien für die Befund- und Spurensicherung sollen die Strukturen in den Kliniken gebahnt werden. Begleitet wird das Projekt von einer entsprechenden Öffentlichkeitskampagne für die Bevölkerung in Marburg und im Umland. Auch die Neuauflage des hessischen Dokumentationsbogens „Dokumentation und Untersuchung bei sexualisierter Gewalt“ soll Befunderhebung, Spurensicherung sowie die Versorgung der Patientinnen bei Verdacht auf sexualisierte Gewalt optimieren und die Ergebnisse „gerichtsfest“ machen.

„Mit dem Projektstart ist auch in unserer Region ein weiterer Meilenstein gesetzt worden, der die Versorgung von gewaltbetroffenen Frauen nach sexualisierter Gewalt verbessert und weiter vorantreibt“, betont Landrätin Kirsten Fründt.

Weitere Informationen beim Frauennotruf Marburg e.V. Rebekka Jost, Telefon: 06421 21438, E-Mail: frauennotruf-marburg@gmx.de und beim Gesundheitsamt des Landkreises Marburg-Biedenkopf, Andrea Schroer, Telefon: 06421 405-4116, E-Mail: schoera@marburg-biedenkopf.de

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