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40 Jahre Seniorentreffpunkte: Vom Versuch zum Erfolg – Mehr als Kaffee und Kuchen

(Pressemitteilung Nr. 150/2012 vom 10.04.2012)
Marburg-Biedenkopf – 1972 begann die Volkshochschule im Auftrag des Kreisausschusses als eine der ersten Volkshochschulen in Deutschland im ehemaligen Landkreis Marburg die ersten 15 "Altenclubs" zu gründen. Die Umbenennung in die heutige Bezeichnung „Treffpunkte“ erfolgte 1990. In den nächsten Wochen feiern folgende Treffpunkte ihren vierzigsten Geburtstag: Roßdorf, Halsdorf, Leidenhofen und Cölbe. Weitere folgen in der zweiten Jahreshälfte.

Landrat Robert Fischbach lobte die hier geleistete Arbeit: „Im Laufe der 40 Jahre haben die vhs des Kreises und sehr viele Ehrenamtliche ein interessantes Angebot für ältere Mitbürger aufgebaut. Sie haben sich hier sehr engagiert und dafür möchte ich im Namen der Kreisgremien und persönlich herzlich Dank sagen“, betonte Landrat Robert Fischbach.

Wie kam es Anfang der 70er Jahre zu diesem eher ungewöhnlichen Angebot auf dem Land? Die damalige ältere Generation, d.h. die vor 1910 Geborenen, hatte zwei Weltkriege und die Nachkriegszeit mit dem entsprechenden Wiederaufbau erlebt und hinter sich gebracht. Im Mittelpunkt ihres Lebens stand die Arbeit. Der Begriff "Freizeitgestaltung" war eher Fremdwort als erstrebenswerte Praxis. Urlaub oder Reisen gehörte gerade für die Älteren auf dem Land nicht unbedingt zur Lebensgestaltung und waren kein fester Bestandteil der Lebensplanung, wie das heute eher üblich ist. Auch die Gebietsreform warf ihre Schatten voraus: Die Dörfer verloren ihre Selbstständigkeit und wurden zu Großgemeinden zusammengeschlossen, die Verwaltung entfernte sich von den Bürgern. Der gleichzeitige Abbau des öffentlichen Nahverkehrs machte es den älteren Menschen nicht leicht, sich aus ihrem Dorf heraus zu bewegen und den Anschluss an die erweiterte Heimat oder an die Welt zu finden so wie es die Jungen taten. Auch die Zahl der Dorfschulen und Geschäfte nahm deutlich ab.

Angesichts dieses massiven Wandels wollte der Landkreis Hilfe zur Bewältigung der veränderten Lebenssituation geben. Dies konnte nur zusammen mit den Bürgermeistern, den Stadt- und Gemeindeverwaltungen, den Kirchen und Verbänden erfolgen. Viele Barrieren waren zunächst zu überwinden, denn gerade die Älteren waren es nicht gewöhnt, sich am "helllichten" Tag für einen Vortrag zusammenzusetzen oder damals anders ausgedrückt „dem lieben Gott den Tag zu stehlen".

Am 15. Juli 1970 wurde im Kreistag folgender Beschluss gefasst: "Der Kreistag beauftragt einstimmig den Kreisausschuß zu überprüfen, in welchen Gemeinden unseres Kreises die Möglichkeit zur Einrichtung von Begegnungsstätten für ältere Mitbürger, evtl. Dorfgemeinschaftshäusern oder Bürgerhäusern besteht." Die Resonanz auf eine Umfrage des Sozialamts in den Gemeinden zur Einrichtung von Begegnungsstätten für ältere Mitbürger war alles andere als euphorisch, d.h. skeptisch und gelegentlich auch ironisch, denn einige Bürgermeister betrachteten damals die Ruhebänke in der Gemarkung ihrer Gemeinde als ausreichende Begegnungsstätte.

Aber der Landkreis ließ sich durch die mageren Umfrageergebnisse nicht abschrecken und beauftragte die Volkshochschule, Begegnungsstätten für ältere Mitbürger zu gründen. Unter der Regie der Volkshochschule traf man sich im monatlichen Rhythmus zunächst in 15 "Altenclubs". Die Volkshochschule sorgte für die Beförderung und für ein Vortragsprogramm, das sich an den Interessen der Teilnehmer orientierte. Bereits 1976 waren 33 Treffpunkte eingerichtet, in den 80er Jahren waren es 67. Aktuell gibt es aufgrund von Fusionen 50 Treffpunkte. Eine rasante Entwicklung, die sich in anderen Regionen nicht in dieser Form vollzogen hat, so dass die Entwicklung der Seniorentreffpunkte und damit der Seniorenbildung im Landkreis Marburg-Biedenkopf als bundesweit einmalige Erfolgsgeschichte zu werten ist. Auch ihr Markenzeichen - die besondere Mischung aus Bildung und Geselligkeit oder auch die Vielfalt der Themen - ist längst zur bewährten Tradition geworden, die immer noch "zieht".

In einem Rückblick auf "10 Jahre Altenclub" betonte die damalige vhs-Mitarbeiterin Eva Bieselt: "Im Vordergrund der Altenarbeit steht vor allem, die älteren Menschen nicht so sehr zu betreuen, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, sich aktiv an der Gestaltung zu beteiligen, wissen sie doch am besten, was ihnen Freude macht und ihnen in ihrer Lebenssituation hilfreich ist." Mit Blick auf Zukunft und demografische Herausforderungen habe dieses Zitat eine erstaunliche Aktualität, stellte die Leiterin der VHS Marburg-Biedenkopf, Gabriele Clement, fest.
 

  Ausflüge wie hier Ende der 70er Jahre auf dem Rhein nach Bonn, waren bei den älteren Mitbürgern sehr beliebte Angebote der Volkshochschule des Landkreises. Foto: Landkreis
Ausflüge wie hier Ende der 70er Jahre auf dem Rhein nach Bonn, waren bei den älteren Mitbürgern sehr beliebte Angebote der Volkshochschule des Landkreises.
Foto: Landkreis

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Anfang der 70er Jahre unterhielt sich der damalige staatsbeauftragte Landrat Dr. Burghard Villmar (re.) mit älteren Mitbürgerinnen in einem Treffpunkt. Foto: Landkreis Marburg, Quelle: Kreisausschuss Marburg-Biedenkopf (Hg.): 4 Jahre Altenclubs, Marburg, 1974.
Anfang der 70er Jahre unterhielt sich der damalige staatsbeauftragte Landrat Dr. Burghard Villmar (re.) mit älteren Mitbürgerinnen in einem Treffpunkt.
Foto: Landkreis Marburg,
Quelle: Kreisausschuss Marburg-Biedenkopf (Hg.): 4 Jahre Altenclubs, Marburg, 1974.
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