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Tagung zu freiheitsentziehenden Maßnahmen – Gemeinsam zugunsten der Betroffenen mehr erreichen
(Pressemitteilung Nr. 145/2013 vom 29.04.2013)

Marburg-Biedenkopf – Im Landratsamt trafen sich Fachleute zu einer Tagung, um ein wichtiges, in der Öffentlichkeit jedoch kaum diskutiertes Thema aufzugreifen. Es geht um feiheitsentziehende Maßnahmen und dabei meistens um die Frage, des Umgangs mit an Demenz erkrankten Menschen. Wenn diese also beispielsweise noch voller Bewegungsdrang sind, aber ansonsten nicht mehr wissen, wer und wo sie sind, dürfen diese Menschen dann so fixiert werden, damit sie weder sich selbst noch andere gefährden?

„Es ist eine Frage des Umgangs mit den Demenzkranken, deren Zahl insgesamt zunimmt. Die Fixierung birgt auch erhebliche Gefahren, wie etwa durch Strangulieren und ist ebenfalls sehr pflegeintensiv“, sagte der stellvertretende Landrat und Sozialdezernent Dr. Karsten McGovern. Es gibt eine Vorgehensweise, die bundesweit viel Beachtung erhält und unter dem Namen Werdenfelser Weg bekannt wurde.

Der Motor und Mitinitiator dieses Ansatzes ist Josef Wassermann, der Leiter der Betreuungsbehörde in Garmisch-Partenkirchen. Vor rund einhundert Teilnehmern stellte er diesen neuen Ansatz vor, wobei sogenannte Verfahrenspfleger eine große Rolle spielen. „Die Idee des ‚Werdenfelser Weges’ wird in ihrem Kern durch den Einsatz spezieller gerichtlich und behördlich geschulter Verfahrenspfleger im vormundschaftsgerichtlichen Genehmigungsverfahren umgesetzt, die als Interessenvertreter des einzelnen Heimbewohners mit pflegefachlichem Wissen mit allen Beteiligten abklären, ob alle Vermeidungsstrategien für Fixierungen ausgeschöpft sind. Sie arbeiten auf eine gemeinsame Beurteilung der Risiken hin, um Fixierungen weitest möglich zu vermeiden und den Pflegenden Handlungssicherheit in haftungsrechtlicher Hinsicht zu vermitteln, gerade auch für Fälle, in denen vor dem Hintergrund von Menschenwürde und Selbstbestimmung hinnehmbare Risiken verbleiben“, so beschreibt es der Landkreis Garmisch-Partenkirchen.

„Ich bin mir sicher, dass durch diese Veranstaltung neue Impulse gesetzt werden konnten. Es geht vor allem um eine menschenwürdige Pflege in Verbindung mit der Vermeidung von Fixierungen, dort wo es möglich ist“, betonte Dr. McGovern die Intention dieser Tagung, die mit vielen Fachleuten auf dem Podium besetzt war. Für ihn geht es dabei um ein wirkungsvolles Zusammenarbeiten von Pflege, Justiz, Betreuungsvereinen und Betreuungsstellen, Psychologie und etwa Behinderteneinrichtungen, um nur einige wichtige zu nennen.

Dr. Jan-Christoph Otto ist Betreuungsrichter in Biedenkopf. Aus seiner Sicht ging es bei dieser Auftaktveranstaltung darum, alle Beteiligte mit ins Boot zu nehmen, damit sich etwas ändern kann. Auch Helga Steem-Helms vom Hessischen Sozialministerium machte deutlich, dass das Land Befürworter des Werdenfelser Weges sei. Das zeige sich auch schon darin, das beide Ministerien, also sowohl das Hessische Justiz- als auch das Hessische Sozialministerium hier an einem Strang ziehen würden. „Es ist gut, wenn hier die unterschiedlichen Berufsgruppen zusammenkommen können“, so Steem-Helms. Regine Krampen, Pflegekraft beim Regierungspräsidium Gießen betonte noch einmal, um was es letztlich für alle Beteiligten gehen solle, nämlich gerichtlich genehmigte, freiheitsentziehende Maßnahmen auf das Notwendigste zu reduzieren. Darin sind sich auch alle einig und Michael Poetsch vom Netzwerk rechtliche Betreuung fasste es nochmals aus einer anderen Perspektive zusammen: „Es geht darum, gemeinsam über Probleme zu reden und auch gemeinsam Lösungen zu finden. Die Menschen sollen dabei ganzheitlich gesehen werden.“

Gerade für die Pflegekräfte ist das ein schwieriger Job, darin sind sich alle einig und würdigten diese nicht einfache Arbeit. Aber das sei eben auch ein ganz wichtiger Punkt, nämlich die Pflege zu stärken und mutig, das heißt ohne Angst zu pflegen. Dafür müsse die Verantwortung gemeinsam getragen werden, also von den Beteiligten und auch zusammen mit den Verwandten. Man müsse den betroffenen Menschen diejenigen Ressourcen lassen, die sie noch haben. Das kann zum Beispiel Bewegungsdrang sein, so Wassermann. Es geht um Milderung der Form oder Dauer der Fixierung. „Was ist das kleinste Übel und was bietet den größten möglichen Spielraum, um Patienten ein weitgehend normales Leben zu ermöglichen?“, fragte Wassermann.

Ein ganzheitlicher Ansatz dürfte letztlich sowohl für die Patienten als auch für alle Beteiligte von großem Vorteil sein. Der Werdenfelser Weg ist ein sehr guter und nachvollziehbarer Weg, dessen weitgehender Umsetzung man sich auch in Hessen nur wünschen kann.

Josef Wassermann erläuterte dem Fachpublikum den Werdenfelser Weg, bei dem es darum geht, Fixierungen bei Heimbewohnern weitest gehend zu reduzieren. Foto: Landkreis
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Josef Wassermann erläuterte dem Fachpublikum den Werdenfelser Weg, bei dem es darum geht, Fixierungen bei Heimbewohnern weitest gehend zu reduzieren.
Foto: Landkreis

Ein stark besetztes Podium erläuterte dem Fachpublikum den Werdenfelser Weg, bei dem es darum geht, Fixierungen bei Heimbewohnern weitest gehend zu reduzieren (v.l.n.r): Michael Poetsch (Netzwerk rechtliche Betreuung), Helga Steem-Helms (Hessisches Sozialministerium), Josef Wassermann (Betreuungsbehörde in Garmisch-Partenkirchen), Anette Wagner (Fachbereich Gesundheit des Kreises), Regine Krampen (Regierungspräsidium Gießen), Dr. Jan-Christoph Otto (Betreuungsrichter), Erster Kreisbeigeordneter Dr. Karsten McGovern sowie Dieter Rossbach (Fachbereich Gesundheit). Foto: Landkreis
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Ein stark besetztes Podium erläuterte dem Fachpublikum den Werdenfelser Weg, bei dem es darum geht, Fixierungen bei Heimbewohnern weitest gehend zu reduzieren (v.l.n.r): Michael Poetsch (Netzwerk rechtliche Betreuung), Helga Steem-Helms (Hessisches Sozialministerium), Josef Wassermann (Betreuungsbehörde in Garmisch-Partenkirchen), Anette Wagner (Fachbereich Gesundheit des Kreises), Regine Krampen (Regierungspräsidium Gießen), Dr. Jan-Christoph Otto (Betreuungsrichter), Erster Kreisbeigeordneter Dr. Karsten McGovern sowie Dieter Rossbach (Fachbereich Gesundheit).
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