Link auf das Hauptmenü Link auf die Untermenüpunkte Link auf Inhaltsbereich
Exponate des Monats im Schloss Biedenkopf im April 2011 sind drei Kerzenteller – Vom früheren Umgang mit dem Sterben auf den Dörfern

(Pressemitteilung Nr. 123/2011 vom 8. April 2011)
Marburg-Biedenkopf – Die Exponate des Monats April im Hinterlandmuseum Biedenkopf sind drei identische Kerzenteller aus weißem, gegossenem Glas mit muschelähnlichen Verzierungen und Goldapplikationen. Die Ränder der Teller sind nicht kreisrund, sondern in regelmäßigen Abständen eingezogen. Alle verzierenden Elemente sind plastisch erhaben. Von außen nach innen haben die Teller zunächst eine zweifach profilierte Erhebung. Es folgt eine mit Goldfarbe hervorgehobene Verzierung, die an ein in Falten gelegtes Stoffband erinnert. An ein sich wiederholendes muschelähnliches Muster schließt sich ein Ring in der Tellermitte an. In diesen Ring konnten Kerzen gestellt werden. Jeder Teller hat sechs Standfüße.

Gefertigt wurden die Teller gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Sie stammen aus Kleinseelheim und wurden durch Familie Strack (aus Marburg) an das Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf übergeben. Nach Aussage der Stifter fanden die Teller wahrscheinlich im Rahmen von Sterbefeierlichkeiten Verwendung.

Das Thema „Sterben und Tod“ wird heute als Tabuthema meist aus dem Leben verdrängt. Zeichnet sich ein Todesfall ab, befinden sich die Sterbende heute nur noch selten zu Hause. Nach dem Tod wird das Notwendige einem Bestattungsinstitut übertragen. Vielerorts wird heute nach dem Tod ein kleines Licht für den Verstorbenen angezündet.
Bis in das 20. Jahrhunderts hinein gab es vor allem in ländlichen Gebieten noch viel mehr „Bräuche“ oder Rituale, die den Sterbeprozess bis zur Beerdigung begleiteten. Diese wurden seitdem oft in der volkskundlichen Literatur in ihrem Ablauf aufgezeichnet. Die Interpretationen dieser Handlungen sind jedoch besonders bei älteren Werken oft nicht unproblematisch.

Eckhard Hofmann und Jürgen Homberger berichten in ihrem Aufsatz „Tod und Trauer auf dem Land um 1910“, der unlängst in dem Sammelband „Sterben und Tod auf dem Lande“ erschienen ist, detailreich von längst vergangenen Bräuchen in Dörfern im Marburger Land. Diese werden im Folgenden gekürzt wiedergegeben.

Gestorben wurde meist zu Hause. Zeichnete sich ein Todesfall ab, so hielt der Pfarrer zunächst ein Hausabendmahl im Beisein der Familie. Das Sterbezimmer richtete man für diesen Anlass besonders her. Bereits die Zimmertür war mit einem weißen schmalen „Paradetuch“ entsprechend gekennzeichnet. Auf einen Tisch legte man ein weißes Tuch und die Familienbibel, auch zwei Kerzen stellte man auf. Laut Hofmann und Homberger wurde der Tisch „so zu einem Altar umfunktioniert“. Nach dem Tod hielten die Angehörigen die Pendel der im Hause eventuell vorhandenen Wanduhren an. Dies geschah zum einen aus Respekt vor dem Toten, dem man bis zur Beerdigung die ganze Zeit widmen wollte. Zum anderen symbolisierte es, dass für die Hinterbliebenen die Zeit jegliche Bedeutung verloren hatte. Die Fenster des Sterbezimmers wurden einen Spalt geöffnet, um – so die Autoren - die Seele entweichen zu lassen. Die Spiegel des Hauses deckte man ab. Bis der Sarg gefertigt wurde, blieb der mit einem Leinentuch abgedeckte Tote auf einer speziellen Lagerstatt aus Stroh in der Wohnstube aufgebahrt. Zu beiden Seiten des Toten stehende Kerzen wurden angezündet. Anschließend fand die Aussegnung des Toten im Sterbehaus statt. Die nächtliche Totenwache und das Ausheben des Grabes war eine Angelegenheit der männlichen Verwandten oder der nächsten Nachbarn. Der Leichenzug zur Begräbnisstätte und die Trauerfeierlichkeiten fanden unter Anteilnahme meist der gesamten Gemeinde statt.

In der Beschreibung von Hofmann und Homberger werden nur Kerzenpaare erwähnt. Auch in anderer Literatur wird von zwei Kerzen gesprochen. Da es sich bei den gestifteten Objekten aus Kleinseelheim um drei Kerzenteller handelt, sei dahin gestellt, ob in diesem Fall etwa eine dritte Kerze aufgestellt oder ein Ersatzteller bereitgehalten wurde oder ob andere, hier nicht bekannte Gründe ausschlaggebend waren.

Öffnungszeiten des Hinterlandmuseums: 1. April bis 15. November, dienstags bis sonntags: 10 bis 18 Uhr.

  Familie Strack hat die drei Kerzenteller dem Hinterlandmuseum gestiftet, die das Exponat des Monats April sind (v.l.n.r.): Gerald Bamberger und Claudia Röhl vom Hinterlandmuseum sowie die Stifterinnen Heidrun, Fe und Iva Strack. Foto: Landkreis
Familie Strack hat die drei Kerzenteller dem Hinterlandmuseum gestiftet, die das Exponat des Monats April sind (v.l.n.r.): Gerald Bamberger und Claudia Röhl vom Hinterlandmuseum sowie die Stifterinnen Heidrun, Fe und Iva Strack.
Foto: Landkreis

Download Druckversion

zurück