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Früher in sehr vielen Haushalten zu finden: Exponat des Monats im Schloss Biedenkopf ist eine Tischnähmaschine aus der Zeit um 1895 – Das Nähen eines „Mannshemdes“ dauert damit nur eine Stunde und 15 Minuten

(Pressemitteilung 113/2016 vom 18.03.2016)

Marburg-Biedenkopf – Das Exponat des Monats April ist eine Nähmaschine der Firma Gritzner aus der Zeit um 1895. Gestiftet wurde sie ganz aktuell freundlicherweise an das Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf von Ursula Braun (Biedenkopf) und Eckehardt Hosch (Wolfsburg). Die Nähmaschine ist sehr gut erhalten und weist noch zahlreiches Zubehör auf.

Die Seitenteile des Gestells sowie das Fuß-Pedal sind aus Gusseisen mit stark geschwungenen Streben. Auf dem Gestell befindet sich ein Holztisch mit eingearbeitetem Maßstab. Darauf steht die eigentliche Nähmaschine, die von Hand oder mit dem Fuß-Pedal über einen Umlaufriemen angetrieben wird. Wie in der beigefügten Gebrauchsanweisung angegeben, handelt es sich bei der Nähmaschine um das „Modell Nr. 4 Gritzner B für Hand- und Fußbetrieb auf neuem Gritzner-Gestell mit Kasten“.

Eine Besonderheit der Apparatur ist ein Teller für ein kleines Ölkännchen unter dem Tisch. In einem hölzernen verschließbaren Schubfach ist Platz für Zubehörteile und ein kleines Heftchen mit dem Titel „Anweisung zum Gebrauch der durch die Maschinenfabrik Gritzner Actien-Gesellschaft in Durlach neu verbesserten Nähmaschinen für Familien und Gewerbetreibende“. Detailliert werden darin bildlich und schriftlich Einzelteile und die Funktionsweise des Geräts aufgeführt und dargestellt. Neben Stoffen aller Art ist die Maschine auch für „feines Leder“ und „Huteinfassungen“ geeignet. Diese Information dürfte eventuell für den ehemaligen Gebrauchszusammenhang interessant sein. Die Gebrauchsanweisung enthält unter anderem eine Auflistung der „verschiedenen neuverbesserten Hülfsvorrichtungen“ und den „Vergleich der Arbeitsleistung dieser Nähmaschine mit der Handarbeit.“

Laut tabellarischer Auflistung dauert das Nähen eines „Mannshemd(es)“ mit der Nähmaschine 1 Stunde und 15 Minuten und mit der Hand 14 Stunden und 25 Minuten. Das Nähen eines Damenhemdes wird mit der Maschine mit 1 Stunde angegeben im Vergleich zum Nähen mit der Hand von 10 Stunden und 30 Minuten. Abschließend erfolgt die Produktempfehlung: „Folglich kann man mit dieser Maschine in 14 Stunden ebenso viel leisten, wie bei Handarbeit in 111 ½ Stunden“.

Max-Carl Gritzner gründete 1872 in Durlach (bei Karlsruhe) eine Nähmaschinenfabrik, die bald einer der bedeutendsten in Deutschland wurde. Bereits 1902 produzierte sie die einmillionste Nähmaschine, insgesamt stellte sie zwischen 1900 und 1960 sieben Millionen Nähmaschinen her. Die Gebrauchsanweisung zeigt eine Bild der großen Firmenanlage und führt die verschiedenen Sparten des Unternehmens auf. So wird unter anderem auf eine „Eisengießerei“, eine „Nähmaschinen-Möbelfabrik“ sowie eine „Fahrrad-Fabrik“ hingewiesen.

Die hier beschriebene Maschine wird von den Stiftern in die Zeit um 1895 datiert. Sie gehörte Minna Jacobi, die 1884 als Tochter des Biedenköpfer Hutmachermeisters Emil Höhn geboren worden war. Emil Höhn hatte in diesem Jahr das Geschäft seines Vaters Emanuel Höhn übernommen, der wiederum am 22. Januar 1848 als Meister in die Sattler- und Hutmacherzunft aufgenommen worden war. Dies ist deshalb von Interesse, befindet sich doch im Hinterlandmuseum seit langer Zeit die Hutmacherwerkstatt von Emanuel Höhn samt originalem Ladenschild von 1848.

Im Bestand des Hinterlandmuseums gibt es bereits einige Nähmaschinenmodelle, so unter anderem Maschinen der Firmen Singer, Frister und Rossmann (Berlin), Seidel und Naumann (Dresden), “Haid & Neu“ (Karlsruhe), der „Deutschen Nähmaschinenfabrik Frankfurt a.M. vormals Jos. Werthheim“ oder den Vesta-Nähmaschinenwerken (Altenburg, Thüringen). Die neu gestiftete Nähmaschine ist die einzige der Firma „Gritzner“ und durch den nachgewiesenen Bezug zu Biedenkopf von besonderem Interesse.

Allgemeine Öffnungszeiten des Hinterlandmuseums:

Vom 24. März bis 15. November immer dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Am Oster- und Pfingstmontag ist das Museum geöffnet. Während der Winterpause (16. November bis 23. März) sind Führungen nach telefonischer Voranmeldung möglich: 06461 924651.

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