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Freiheitsentziehende Maßnahmen sind vermeidbar – Informationsveranstaltung für ehrenamtliche Betreuer im Landkreis

(Pressemitteilung 111/2016 vom 21.03.2016)

Marburg-Biedenkopf – Ehrenamtliche Betreuer stehen oft vor schwierigen Entscheidungen und Fragen, besonders was den Schutz pflegebedürftiger Personen betrifft. Sind freiheitsentziehende Maßnahmen, wie Bettgitter oder Fixiergurte immer notwendig, um Pflegebedürftige zu schützen? In einer Informationsveranstaltung der Betreuungsbehörde des Landkreises Marburg-Biedenkopf und der Betreuungsvereine Biedenkopf e.V., Forum Betreuung e.V. und Marburger Verein für Selbstbestimmung und Betreuung e.V. für ehrenamtliche Betreuer im Landkreis haben der Betreuungsrichter Dr. Christoph Otto aus dem Amtsgericht Biedenkopf und die Diplom Sozialpädagogin Katrin Lang von der Betreuungsbehörde Marburg-Biedenkopf ihre Erfahrungen vorgestellt, Denkanstöße gegeben und sich mit den Zuhörern ausgetauscht. Die Moderation der Veranstaltung unternahm die Amtsärztin Frau Dr. med. Birgit Wollenberg.

Was tue ich, wenn eine pflegebedürftige Person unter meiner Obhut ohne Erlaubnis das Bett, Zimmer oder Haus verlässt? Wie verhindere ich, dass sich diese Person verletzt, beispielsweise indem sie aus dem Bett fällt? Was mache ich, damit diese Person des Nachts schläft und nicht auf die Straße läuft oder mit dem Rollstuhl fährt und womöglich stürzt? In der Praxis werden noch oft freiheitsentziehende Maßnahmen (feM) angewendet. Das bedeutet – regelmäßig oder länger als 24 Stunden – verschlossene Türen, Bettgitter, das Fixieren mit Gurten, aber auch das ‚Ruhigstellen‘ mit Medikamenten. FeM müssen über ein Gutachten genehmigt werden.

Wenn beispielsweise ein Betreuer der Meinung ist, bei seinem Schützling sollte er eine feM angewendet werden, muss er diese – genau wie jedes Heim oder Krankenhaus –offiziell von einem Gericht genehmigen lassen. Das geht mit einem vorher gestellten Antrag oder in Ausnahmefällen auch nachträglich. „Die letztendliche Entscheidung liegt beim zuständigen Richter. Wenn ein Gericht zustimmt, ist das allerdings keine Anordnung sondern nur ein Gutheißen“, erklärt Betreuungsrichter Christoph Otto, „feM sind aber in fast jedem Fall vermeidbar.“

Er erläuterte, dass ein Verfahrenspfleger als Vermittler zwischen Betroffenen, Gericht, Einrichtungen, Angehörigen und Betreuern vom Gericht eingesetzt werden kann. Der Verfahrenspfleger hat die Aufgabe, gemeinsam mit den Beteiligten die Verhältnismäßigkeit der beantragten Maßnahme abzuwägen und bei der Suche nach Alternativen zu helfen. Der Verfahrenspfleger gibt seine Einschätzung an das Gericht weiter.

Katrin Lang, die selbst in der Verfahrenspflege tätig war, meint, dass immer eine Ursachenforschung betrieben und nach Alternativen gesucht werden sollte. „Beispielsweise behebt eine Fixierung eine Unruhe nicht, sondern macht sie schlimmer. Darüber hinaus ist ein Festbinden am Bett stark risikobehaftet. Menschen, die sich krampfhaft versuchen in einer Fixierung zu bewegen, können sich strangulieren. Weiterhin sollte so etwas – wenn es wirklich notwendig sein sollte – nur von einer Fachkraft durchgeführt werden.“ Alternativen gebe es zu Genüge. Als Beispiel nannte sie eine junge Heimbewohnerin, deren starker Bewegungsdrang nicht unterdrückt wurde, sondern mit Polsterung aller Gegenstände im Zimmer begegnet wurde. Aus dem Plenum kamen weitere Beispiele: Eine heimeigene „Scheinbushaltestelle“ oder ein „Nachtcafé“ für demente Bewohner. Wenn Menschen seit jeher in den frühen Morgenstunden aufstehen, um einer geregelten Arbeit nachzugehen oder das Heim verlassen wollen, können sie dem Ritual eines „Auf-den-Bus-Warten“ folgen oder in ein Café gehen. Wenn sie von Heimpersonal abgeholt werden, haben sie die Gründe für ihr ihren Aufenthalt an Bushaltestelle oder Café wieder vergessen, konnten aber ihrer Unruhe folgen.

Mit dem Aufzeigen von Alternativen zu feM und ihren Risiken folgten Lang und Otto dem „Werdenfelser Weg“, einem in Garmisch Partenkirchen konzipierten und deutschlandweit erfolgreichen Programm zur Vermeidung von FeM, was eines der Aufgabenbereiche von speziell gerichtlich und behördlich geschulter Verfahrenspfleger ist.

Weitere Informationen zum Thema freiheitsentziehende Maßnahmen gibt es im Gesundheitsamt, Schwanallee 23, 35037 Marburg bei Katrin Lang unter der Telefonnummer 06421 405-4127 oder per E-Mail unter LangK@marburg-biedenkopf.de .

Betreuungsrichter Dr. Christoph Otto referierte in der Kreisverwaltung über die rechtlichen Rahmenbedingungen bei freiheitsentziehenden Maßnahmen. Foto: Landkreis

Betreuungsrichter Dr. Christoph Otto referierte in der Kreisverwaltung über die rechtlichen Rahmenbedingungen bei freiheitsentziehenden Maßnahmen.

Foto: Landkreis

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